Es war im Jahre 1850, den 5. August.
[Ankunft in Konotop. Hochzeit.]
Wir fuhren Tag und Nacht, unterbrachen die Reise nur der Sabbathruhe wegen von Freitag Mittag bis Samstag Abend. Nach sieben Tagen, als wir die Hälfte unseres Weges zurückgelegt hatten, versagte der Wagen. Wir waren gezwungen, auf freiem Felde ein Lager aufzuschlagen. Es wurde ein Teppich ausgebreitet und unser Vorrat herausgeholt. Bald brodelte und summte der Samowar. Wir setzten uns alle um ihn herum und bei seinem Summen, im vertrauten Geplauder vergaßen wir unsere unangenehme Lage.
Der Hochzeitstag rückte immer näher heran, und wir waren noch so weit von unserem Ziele entfernt. Der Vater sandte eine Stafette nach Konotop und bat um Verschiebung der Hochzeit. In Konotop war man darüber untröstlich und trug diese achttägige Verzögerung noch lange meinen Eltern nach, mußten doch die großen Vorräte an Geflügel und anderen Speisen bei der heißen Jahreszeit verderben.
Wir reisten noch volle sechs Tage, erlebten verschiedene Abenteuer und gelangten endlich nach der vorletzten Station, Baturim.[4] Hier brachte uns ein Bote die Nachricht, daß uns der Schwiegervater in Gesellschaft einiger Herren auf der nächsten Station erwarte.
Mein Herz schlug stürmisch. Aber ich schwieg beharrlich. Denn ich fühlte, daß gleich dem ersten Worte ein Tränenstrom folgen müßte. Ich war ja am Ziele meiner schönsten Träume: in einer Stunde sollte meine Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. — Ich wagte kaum zu denken an solche Seligkeit, die wohl nicht jedem Mädchen vom Schicksal beschieden wird.
Wir Mädchen machten Toilette. Ich wählte ein Kleid, das mir sehr gut stand, und musterte mich selbst im Spiegel, der mir von meinem eigenen Glücke erzählte. — Dann stiegen wir ein und fuhren rasch weiter. Unterwegs kam uns ein Wagen entgegen. Wir erkannten bereits aus der Ferne meinen Schwiegervater und den Herrn Brim. Die letzte Station vor Konotop erreichten wir in einer halben Stunde, und von da aus waren wir unserm Reiseziel ganz nahe. Wir fuhren in Konotop ein. Die Vorstadt war nicht vielversprechend: lauter kleine Hütten mit Strohdächern. Meine Schwester war fast entsetzt über den Dorfcharakter des Städtchens. Mir aber war alles gleichgültig. Was ging mich damals die Stadt an! Es schwebte nur das Bild meines Verlobten vor mir gleich wie die leuchtende Feuersäule in der Nacht vor den Israeliten in der Wüste und bannte alle trüben Gedanken.
Wir fuhren durch eine lange ungeebnete Straße. Rechts und links die gleichen strohbedeckten Hütten. Endlich kamen wir an einen weiten Platz, wo das erste große, vornehme, steinerne Haus mit einem grünen Blechdach stand. Es war das Ziel unserer Reise; das Haus der Familie Wengeroff. Begleitet von einer neugierigen Menge fuhr unser Wagen durch das Einfahrtstor und machte vor einem großen Balkon, der ganz mit Menschen besetzt war, Halt.
Meine zukünftige Großschwiegermutter kam mir entgegen, küßte mich und übergab mir ein »süßes Brot«. Ernst und ehrfurchtsvoll war der Eindruck, den diese Frau auf mich machte. Dagegen wußte die Tante, die Stiefmutter meines Bräutigams, sogleich mein Vertrauen und meine Zuneigung zu gewinnen. Auch schien mir ihre Umarmung herzlicher, traulicher und zärtlicher als die der anderen. Es wurden mir noch die Frau des älteren Bruders meines Bräutigams und seine jüngere Schwester vorgestellt. Von dieser wußte ich bereits soviel Gutes und Liebes, daß ich sie wie eine längst vertraute Freundin herzlich umfing. Aber über all diese Menschen hinweg schweifte mein Blick weiter und suchte den Liebsten, den Nächsten, nach dem ich mich das ganze lange Jahr so heiß gesehnt hatte. Aber nirgends war er zu sehen. Von allen begleitet gelangte ich durch das Vorzimmer in den Salon. Hier empfing mich glückstrahlend mein Bräutigam. Unsere Begrüßung war stumm: es bedurfte wirklich keiner Worte. Die Augen sagten so viel; sie sagten so manches, wofür noch kein Dichter den Ausdruck gefunden hat. —