Es wurde Abend. Zahllose Lichter brannten, und Wohnung und Menschen sahen feierlich aus. Man reichte den Tee. Die ältere Schwägerin wich nicht von der Seite meiner Mutter, die jüngere nicht von der meinigen. Mein Bräutigam mußte, um die Sitte nicht zu verletzen, meinem Vater Gesellschaft leisten und in der Herrengesellschaft bleiben. Er wagte es aber, ab und zu auf eine Weile an meiner Seite Platz zu nehmen, um mir einige liebe Worte zuzuflüstern.

Bald forderte man uns zum Tanz auf. Wir beide, meine Schwester und ich, mußten uns auch daran beteiligen, obwohl unsere Lust nicht sehr groß war. Wir tanzten die Polka-Mazurka mit Figuren, was großen Beifall erregte. Überhaupt: an diesem Abend waren wir der Mittelpunkt der lustigen Hochzeitsgesellschaft.

Nach dem Tanze wurde zu Tisch gebeten. Mein Bräutigam saß wieder mit den älteren Herren an der anderen Seite des Tisches, und nur durch Blicke konnten wir uns verständigen.

Das Abendessen war zu Ende. Halbschlafend vor Müdigkeit trennte ich mich von meinem Bräutigam und allen Anwesenden. — Als ich mit meiner Schwester in unserem Logis allein zurückblieb, tauschten wir noch allerlei Bemerkungen und Beobachtungen über die Gesellschaft aus, die wir soeben verlassen hatten. Plötzlich öffnete sich die Tür, und im Zimmer erschien ein ganz komisches Wesen. Es war eine kleine, untersetzte Person mit sehr stumpfer, echt russischer Nase, kleinen lebhaften Augen, breitem, sonnverbranntem Gesicht in einer ganz eigenartigen, kleinrussischen Tracht. Auf dem Kopfe trug sie einen Turban aus wollenem, buntem Tuch, an welchem grellrote, künstliche Rosen mit noch grelleren, grünen Blättern befestigt waren, die ihr tief ins Gesicht fielen. Vorn und hinten war der ganze Körper mit zwei bunten Schürzen bedeckt — darunter ein viel längeres weißes Hemd mit bauschigen, buntgestickten Ärmeln. Am Halse eine Masse Korallen, bunte Perlen, Messingmünzen und große Ringe in den Ohren. Schuhe und Strümpfe fehlten, und die nackten Füße ließen an Reinlichkeit viel zu wünschen übrig. Es war das Dienstmädchen, das uns frisches Wasser brachte und sich nach unseren Wünschen erkundigte. Wir sahen zum erstenmal diese wunderliche Tracht, waren im ersten Augenblick sprachlos vor Überraschung und brachen plötzlich in ein lautes, mutwilliges Lachen aus. Wir lachten noch lange, nachdem das Mädchen fort war und plauderten vergnügt. Vor dem Einschlafen umarmte mich meine Schwester Cäcilie stürmisch und rief aus: »Du bist glücklich und wirst sehr glücklich sein, Schwester!« Auch ich glaubte an mein Glück. Das Herz war so voll, schlug so stürmisch. Ich hätte die ganze Menschheit in jener Stunde umarmen können. Vom Glücksgefühl übermannt, in süße Träume eingewiegt, schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Vater bei den Mechutonim[5]. Mutter und Schwester waren zum Ausgehen bereit. Von drüben fragte man schon einige Male nach mir. Ich zog mich rasch an, und als ich mit meiner Toilette fertig war, brachte mir die Mutter selbst den Ziganka, und wir verließen unser Quartier. Bei Wengeroffs wurden wir zum Frühstück erwartet.

In der zwanglosen, intimen und herzlichen Stimmung schwand auch meine Schüchternheit; wir jungen Leute durften uns in ein anderes Zimmer zurückziehen. Zweimal ließen wir uns dies nicht sagen und waren lustig und ausgelassen.

Die Schwiegermutter und die zukünftige Schwägerin äußerten den Wunsch, meine Aussteuer zu sehen. Sie betrachteten alles Stück für Stück mit Sachkenntnis und eingehendem Interesse, und meine Mutter erntete bei dieser Besichtigung großen Beifall. Über einen Gegenstand in der Wäsche waren sie aber sehr erstaunt, nämlich über die Unterröcke, denn als ich nach Konotop kam, trug keine einzige Frau solche. Auch in der Aussteuer meiner Schwester Eva fehlte dieses Stück Wäsche. In der kurzen Zeit seit der Verheiratung meiner Schwester war so manche neue Sitte in unserem Hause eingeführt worden. Die Frauen in Konotop trugen auch noch keine Unterröcke, sondern das Kleid direkt über dem Hemd. Unterröcke zu tragen, wurde schon als »christlich« betrachtet. Nur im Winter hatten die Frauen dicke Flanellunterröcke und sehr dicke hohe Herrenstiefel an. — Selbstverständlich wußte man nach kurzer Zeit in ganz Konotop von diesem Bestandteil meiner Aussteuer; und es dauerte nicht lange, so folgten andere Frauen in Konotop meinem Beispiel. Jedenfalls brachten es die Jüdinnen in Konotop leicht über sich, ein neues, modernes Kleidungsstück in ihre Toilette aufzunehmen.

Kulturell hauptsächlich aber gesellschaftlich stand Konotop noch weit hinter Brest zurück. Von der Mode wußte man hier nicht viel. Meine Sachen wurden bewundert; ich selbst, so oft ich durch die Straßen ging, angestaunt; und nach kurzer Zeit galt ich in Modesachen für tonangebend in ganz Konotop.

Am Tage vor der Hochzeit erwartete man noch Gäste aus Petersburg, einen Bruder und Schwager meiner künftigen Schwiegermutter. Sie kamen während des Mittagessens an. Es waren zwei hübsche, vornehm aussehende Herren. Sie trugen kurze hellseidene Sommerkostüme, eine Art Reiseanzug, und breitrandige weiße Strohhüte, die sie beim Eintritt ins Speisezimmer abnahmen, so daß sie mit bloßem Haupt sitzen blieben, während die übrigen Herren beständig ein kleines, schwarzes Samtkäppchen aufbehielten. Mein Schwiegervater war sogar etwas betroffen. Das freie, ungezwungene Benehmen seiner Gäste störte ihn um so mehr, als die Gegenwart meines lieben Vaters eine tiefreligiöse Stimmung verbreitete. Doch merkten die jungen Leute schnell ihren Fehler und suchten sich bald den anderen anzupassen. So setzten sie zum Nachtischgebet die Hüte auf und murmelten gezwungen vor sich hin, was uns sehr possierlich vorkam.