Nach dem Mittagessen verließ ich die Gesellschaft, denn nach den althergebrachten Gesetzen mußte ich mich vor meiner Hochzeit der rituellen Reinigung unterziehen. Bei dieser Zeremonie litt ich die unerträglichsten Qualen, und meine Feinfühligkeit wurde dabei auf eine harte Probe gestellt. Die religiösen Formalitäten in der »Mikwe« (dem rituellen Bade) wollten kein Ende nehmen. Ich wurde gewaschen. Man putzte mir sorgfältig die Nägel und zum Schluß mußte ich nach der Vorschrift dreimal ganz im Bassin untertauchen. In stummer Ergebung erfüllte ich die Befehle der alten Weiber, die mich wie ein Opferlamm behandelten. Wie froh war ich, als ich sie endlich verlassen durfte!

Am Abend wurde wieder getanzt. Und jetzt waren es nicht nur Mädchen allein, sondern auch einige junge Leute nahmen daran teil. Es war zwar gegen die Sitte; die Alten waren aber in einem entfernten Zimmer versammelt, und die günstige Gelegenheit nutzte die Jugend aus. An diesem Abend, dem Vorabend meiner Hochzeit, trennten wir uns zeitig voneinander, doch konnte ich lange nicht einschlafen und nahm mit Wehmut von meinen Mädchenträumen Abschied.

Am nächsten Tag erwachte ich mit dem Gedanken, daß es der bedeutendste Tag meines Lebens sei. Wir machten heute alle große Toilette. Ich legte das schwere grauseidene Kleid an, setzte den Myrtenkranz mit dem langen, weißen Schleier auf. Weiße Handschuhe, Fächer und ein zierliches Spitzentaschentuch ergänzten meinen Anzug. Man warf mir den Zigankamantel um, und wir bestiegen den Wagen, der uns, von einer gaffenden, neugierigen Menge begleitet, vor das Wengeroffsche Haus brachte. Die beiden Schwägerinnen empfingen uns. Im Salon wurden wir von den Schwiegereltern und vielen fremden Damen und Herren begrüßt. Erst nach einiger Zeit erschien mein Bräutigam, umgeben von zahlreichen Herren. Er wagte kaum mich anzusehen, denn nach der Sitte des Ortes sollten Braut und Bräutigam in der letzten Stunde vor der Trauung am meisten voneinander entfernt bleiben.

Ohne jede Feierlichkeit führte man mich in den Hochzeitssaal. Nicht einmal der bei uns gebräuchliche Lehnsessel wurde mir angeboten. Ich mußte an die Hochzeit meiner Schwester zurückdenken —: wie feierlich war dort alles zugegangen, wie bewegt waren wir Geschwister, als Vater und Mutter unter Klängen einer rührenden Musik die Braut in den Saal hineinführten, und sie dann auf einen Armstuhl, der sich in der Mitte des Salons auf einem Teppich befand, niederließen —. Mir wurde traurig bei dieser Erinnerung, und ich verspürte eine leise Enttäuschung. Meine Empfindlichkeit steigerte sich bis zum Ärger, als ich erfuhr, daß die ganze Zeremonie der Hochzeit nach der dort herrschenden Sitte auf dem Hofe in einer großen Bretterscheune stattfinden sollte. Mutter, Schwester und ich konnten es kaum fassen. An eine Weigerung war aber nicht zu denken, und wir mußten uns fügen. Zu unserer Beruhigung versicherte man uns, daß eine Hochzeit in Konotop nie anders gefeiert würde, wenn auch die prächtigsten Räume zur Verfügung ständen.

In der Scheune nahmen wir auf Stühlen Platz, während die Menge sich auf Bänken niederließ. Die Musik stimmte in grellen, schrillen Tönen an, und in die Scheune tanzte in wilden Sprüngen, sich im Kreise drehend, eine alte Frau herein. Hoch überm Haupte hielt sie einen runden Kuchen, und, lustig singend, brachte sie folgende Worte hervor:

»Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow!« Dabei ermunterte sie die Musik, weiter zu spielen.

Ich und meine Schwester hatten noch nie Ähnliches erlebt. Unser Erstaunen war grenzenlos. Bald aber ergriff uns eine Lachlust, der wir gar nicht widerstehen konnten. Die Schwägerin merkte es und beeilte sich, uns diese Szene zu erklären: Nach dem Brauch des Ortes sandte jede Freundin des Hauses der Hausfrau einen Kuchen, der in dieser seltsamen Weise überreicht wurde. Diese Erklärung machte die Sache nicht weniger komisch und unsere Lachlust nicht geringer. Die gleiche Zeremonie wiederholte sich noch mehrmals, nur mit dem Unterschied, daß jedesmal der Name einer anderen Freundin ausgerufen wurde.

Um drei Uhr nachmittags waren die Feierlichkeiten in der Scheune zu Ende, und ich entfernte mich, um das Vorabendgebet zu verrichten und das Kleid zu wechseln. Die Mutter begleitete mich. Mit bewegter Stimme sprach sie zu mir von dem Ernste des Hochzeitstages, der für die Braut einen zweiten Versöhnungstag bedeute, an dem sie Gott um Vergebung aller ihrer bisherigen Sünden anflehen müsse. Tränen entflossen unaufhaltsam meinen Augen. Ich umklammerte krampfhaft das Gebetbuch und betete... Meine fromme und weihevolle Unterredung mit Gott dauerte eine gute Stunde, und mit verweinten Augen erschien ich wieder in der Scheune. Die anwesenden Mädchen näherten sich mir, nahmen mir den Brautkranz ab, lösten das Haar, das zu kleinen Zöpfchen geflochten war, damit die ganze Frauengesellschaft an dem Auflösen der Haare teilnehmen könnte, und breiteten es auf Schultern und Nacken aus. Ich schluchzte vor Bewegung. Da erschien der Bräutigam im Kreise der Herren, nahm das weiße Seidentuch, das über einer mit Hopfenblumen gefüllten Platte ausgebreitet lag, und auf Anweisung des Rabbiners bedeckte er damit meinen Kopf, wobei alle Umstehenden mich mit Hopfen bestreuten, ganz in derselben Weise, wie ich es bei der Hochzeit meiner Schwester Eva ausführlich beschrieben habe. — Dann wurde mein Bräutigam zur Synagoge gebracht, und ich wurde von Vater und Mutter dorthin geführt, wo der Akt der Trauung vor sich ging. Darauf trat ich am Arme meines Neuvermählten unter lustigen Musikklängen den Rückweg an. Ich sah den Weg nicht, da mein dichtes seidnes Tuch über den Augen mich wie blind machte.

Zu Hause angelangt, zogen wir uns ins Gastzimmer zurück, wo ich endlich das seidene Tuch auf einen Augenblick lüften durfte, um meinen Mann zum erstenmal nach der Trauung ins Auge zu sehen. Man servierte uns Tee, den wir mit wahrer Wonne tranken. Denn nach der jüdischen Sitte hatten wir bis zu dieser Stunde gefastet.

Während des Abendessens, zu dem in der Scheune gedeckt wurde, und an dem das ganze Städtchen teilnahm, saß ich am Damentisch und mein Mann am Herrentisch. Die »Schewa broches«, die sieben Segenssprüche, welche der Rabbiner bei der Einsegnung des Ehepaares rezitiert hatte, wurden hier wiederholt, eine Zeremonie, die eine ganze Woche hindurch, aus besonderem Anlaß sogar während des ganzen Honigmonats, beobachtet werden muß. Dieses Trauungsmahl (Chuppewetschere) dehnte sich bis Mitternacht aus, denn die Aufheiterung des Chossen und der Kalle (m'ssameach chosson w'kaloh) gehörte zu den größten Mizwaus, d. h. gottwohlgefälligen Handlungen.