[Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern.]
Konotop, das von nun an meine zweite Heimat werden sollte, war ein kleines Städtchen von zehntausend Einwohnern. Dem Aussehen nach machte Konotop ganz den Eindruck eines Dorfes.
Die Hauptbevölkerung in Konotop bildeten Christen — Kaufleute, Beamte und Ackerbauer. Die Juden, die hier in einer ganz geringen Zahl lebten, waren hauptsächlich Getreidehändler und Schankwirte. Mein Schwiegervater, der reichste Mann im Orte, war der »Otkupschczik« von Konotop. In jener Zeit übergab die Regierung einem reichen Kaufmann — Russen, Juden oder Griechen — kontraktlich das Monopol auf Branntwein und alkoholische Getränke. Nach diesem Vertrag war der Konzessionär »Otkupschczik« verpflichtet, außer der Kaution, die in liegenden Gütern und Staatspapieren bestand, jeden Monat eine bestimmte Summe in die Staatskasse zu entrichten; blieb die Zahlung einen, höchstens zwei Monate aus, so ging die Kaution verloren, und die Konzession fiel an die Regierung zurück. Jede Stadt hatte einen solchen Konzessionär. Diese Verpachtung war für den Staat sehr einträglich — der Gewinn wurde auf hundert Millionen Rubel jährlich berechnet, eine Summe, die, wie es allgemein hieß, ausschließlich für die Armee verwendet wurde. Aber auch die Konzessionäre hatten, wenn die Geschäfte normal gingen, ihren guten Verdienst dabei. Sie erfreuten sich aller Freiheiten und des Schutzes seitens der Behörden, führten ein vornehmes, reiches Leben, gaben oft große Gesellschaften, bei denen üppig geschmaust und getrunken wurde. Die schönsten Pferde, die elegantesten Equipagen der Stadt gehörten ihnen. Kleinen Selbstherrschern gleich lebten sie in ihrer Umgebung.
Mein Schwiegervater besaß, wie gesagt, eine solche Branntweinkonzession. Den Genuß von Wein und Bier kannten damals nur die oberen Schichten der Gesellschaft. Das Volk trank Schnaps. Freilich verachteten auch die oberen Zehntausend den Schnaps nicht und tranken gern ein Gläschen, um ihren Appetit anzuregen. Der Arbeiter gebrauchte schon größere Dosen, um in den Ruhepausen »seine Kräfte zu stärken«. Den größten Absatz fand aber der Schnaps auf dem Lande bei dem Bauern, der ihn trank, um sich zu betäuben. Die Schänkstube war sein Klub, wohin er stets nach der Arbeit seine Schritte lenkte, wo er seinen »Wodka« trank, bald traurige, bald lustige Lieder dabei singend und oft im Rausche tanzend.
Der verführerische Schnaps war in den Städten viel teurer als auf dem Lande. Daher wurde Schmuggel damit getrieben. Es gab damals eine »Rogatka« (Schlagbaum) vor jeder Stadt. Ein »Straschnik« (Wächter mit einem großen Messingzeichen, dem Embleme der Konzession, auf der Brust und dünnem Eisenstock in der Hand) war der Hüter der Grenze. Mit diesem Stock durchstöberte er jeden Wagen, der an ihm vorbeifuhr, und wehe dem Bauern oder dem Kaufmann, bei dem etwas gefunden wurde. Der Unglückliche wurde ins Verwaltungsbureau geschleppt, der Tatbestand zu Protokoll genommen. Man behandelte den Ertappten dabei wie einen Verbrecher; und er entging nie einer großen Geldstrafe.
Mit solchen glücklichen Zufällen rechneten die Konzessionäre von vornherein. Sie bestritten teilweise die großen Ausgaben für das Personal, für die zahlreichen Aufseher zu Fuß und zu Pferde. Aber trotz der zahlreichen Hüter der Grenze wurde sehr viel geschmuggelt, und ganze Sendungen von 20 bis 30 Fässern auf Umwegen durch Schluchten, durch Wälder in finsteren stürmischen Winternächten in die Städte befördert. Da kam es nicht selten zu erbitterten Kämpfen zwischen den bewaffneten Hütern der Grenze und den ebenfalls bewaffneten Schmugglern. Wie oft gab es bei diesen Zusammenstößen Tote und Verwundete! Die erbeuteten Wagen wurden mit Triumph in das Verwaltungsgebäude gebracht; und nun begann der Prozeß. — Die Angestellten kannten keine Ausnahme — jeder, der durch die Grenze kam, mußte sich einer Revision unterziehen. Und so behelligten sie auch die Pilger, die von allen Enden Rußlands barfuß nach der heiligen Stadt Kiew wallfahrteten, wo die Katakomben der unermeßlich reichen Kirche »Peczerskaia Lawra« die Überreste vieler Heiliger aufbewahren und wo sich das Grab des ersten russischen Herrschers Wladimir des Heiligen, befindet. Das Fläschchen Branntwein, das die Pilger, unter denen sich oft die vornehmsten Frauen und Männer des Landes befanden, zu ihrer Stärkung und zur Einreibung der wunden Füße bei sich trugen, wurde ihnen zumeist unter Schimpfen und Drohen fortgenommen. Nur selten ließ man die Pilger ungestraft ihres heiligen Weges gehen.
Die meisten Juden in Konotop waren Chassidim, eine in ihrem Wesen so vielfach verkannte, in ihren Lehren so oft verleumdete Sekte. Vor etwa hundertfünfzig Jahren ist der Chassidismus in Wolhynien entstanden als Reaktion gegen die vornehmlich in Litauen herrschende, trockene Talmudgelehrsamkeit. Es war gleichsam der Kampf des aufkommenden Mystizismus und der Romantik gegen den kühlen Rationalismus. Nicht in Klügeleien und komplizierten spitzfindigen Auslegungen eines Bibelwortes, nicht in unaufhörlichem Brüten über dem Talmud, nicht in den leblosen Wortgefechten besteht die echte, wahre Frömmigkeit. Mit Herz und Gefühl soll Gott gedient werden. Begeisterung, Inbrunst, Ekstase müssen den Menschen allem Materiellen entrücken und ihn in die geistigen Höhen zu der Sphärenharmonie emporheben. So lehren die Chassidim. Nach ihren späteren Lehren können immer nur wenige — durch absolute Vergeistigung eine höhere Erleuchtung, eine göttliche Inspiration erlangen. Dies ist der Zaddik, der Rebbe, dem unbedingter Glaube und Vertrauen entgegenzubringen ist. Das Leben soll nicht getötet, sondern erhöht und gesteigert werden. Der Gottesdienst muß freudig und jauchzend verrichtet werden, und überall muß Schönheit sein. Die Schönheit des Rebben offenbart sich in allen seinen Bewegungen und reißt seine Anhänger zur Entzückung hin. Und so pilgern die Chassidim bei jeder Gelegenheit zum Rebben, nicht nur um Thora zu lernen und Gebete zu sagen, sondern um in der Frömmigkeit zu leben und seine Schönheit zu genießen. Der Rebbe hat Anteil an Gott. Seine Anhänger wollen Anteil haben an ihm. So greifen sie leidenschaftlich nach den Resten seiner Speisen. So verfolgen sie in Ekstase seine kleinsten Bewegungen, suchen ihn in seinem Tanze zu beobachten und tanzen mit ihm. Tanzend werden Gebete verrichtet, freudig gemeinsame Mahlzeiten eingenommen und zwischen den einzelnen Mahlzeiten Lieder im Chor gesungen, die der Rebbe einleitet. So erzählt ein chassidischer Weiser, Rabbi Leib: »Ich fuhr oft zum Magid (Prediger) von Mezritz, (einem Fleckchen in Polen), nicht etwa um Thoraneuigkeiten zu hören, sondern um zu sehen, wie er seine Strümpfe ab- und anlegt.«
In einem anderen chassidischen Buche wird erzählt: »Nie ist der Großvater aus Spale[6] Gott so nahe gekommen, nie hat er sich so innig mit ihm vereinigt, wie während seines Tanzes am Sabbath und Jomtow.« Er besaß dann die natürliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines vierjährigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem würden sofort die Gefühle der Buße und Reue wach. Das Herz füllte sich mit Freude, und die Augen wurden tränenvoll. Rabbi Scholem war einst beim »Großvater aus Spale«. Voll Ekstase saß er in einer Zimmerecke, während in einer anderen der »Großvater« saß. Nach dem Essen richtete plötzlich der Großvater an Rabbi Scholem die Frage, ob er tanzen könne. »Nein,« antwortete Rabbi Scholem. »Dann sieh, wie der Großvater tanzt.« Der Großvater erhob sich schnell von seinem Platze und begann einen herrlichen Tanz. Voll Begeisterung stand Rabbi Scholem da: »Seht, seht, wie der Großvater tanzt!« Diese Szene wiederholte sich einige Mal, und Rabbi Scholem sprach zu den Anwesenden: »Glaubt mir, seine Gliedmaßen sind unendlich weihevoll, mit jedem Schritt hebt er sich zur Gottheit empor, vereint sich mit der Gottheit.« Am anderen Tage saß Rabbi Scholem unbeweglich da und betrachtete bewundernd den alten Großvater.
Auch für die Naturschönheiten haben die Chassidim großes Verständnis; und es mutet uns fast pantheistisch an, wenn von Rabbi Nachman aus Bratzlaw erzählt wird, er habe die höchsten Stufen der Göttlichkeit erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte, gemeinsam mit der Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem großen, weiten See umherfuhr.
Der Rebbe ist die Verkörperung alles seelischen Adels. In ihm ist Gott am reinsten offenbart. Muß es da nicht selbstverständlich sein, daß man das Leben des Rabbi loslöst von allen materiellen Sorgen? Jeder, selbst der ärmste Chossid hält es für seine vornehmste Pflicht, für den Unterhalt des Rebben die sogenannten Pidjonim zu spenden. In diesem Eifer sind sich die mannigfachsten Untergruppen der Chassidim einig.