Es ist ein seltsames Leben, das die Chassidim führen. Sie weihen ihren Körper, denn auch er ist ein Geschenk des Herrn. Nur in höchster Reinheit wollen sie vor ihren Gott treten. Häufige Waschungen, mehrmalige Bäder am Tage, besonders in fließenden Gewässern, ganz gleich, ob es Winter oder Sommer ist, sind gottesdienstliche Handlungen.
Trotz all den frommen Übungen muß doch bemerkt werden, daß die litauischen Chassidim viel nüchterner sind und dem praktischen Leben mehr Verständnis entgegenbringen als die polnischen. Sie sind besonnene Kaufleute, gute Familienväter und treue Ehemänner. Ihre ganze weltentrückte Ekstase findet ihren Ausdruck im Gebete. Vollends in jenen heiligen Stunden, wenn sie einmal im Jahre zum Rosch-Haschonoh-Feste zu ihrem Rebben fahren. In ihrem Rebben ist Seligkeit und die Gewißheit der Zukunft. Da braucht man nur auf das Grab des Zaddiks ein Stück Papier zu legen, das alle Wünsche für das kommende Jahr enthält, und man kann getrost heimgehen. Der Rabbi wird das Schicksal beugen. Tiefe, mystische Vorstellungen beherrschen das Sinnen und Handeln der Chassidim. Und es hieße, die verschlungenen Wege der Kabbala wandeln, wollte man die tieferen Beziehungen ihrer oft seltsamen Bräuche zu erkennen suchen. So entsinne ich mich, daß vor dem furchtbaren Tage der Versöhnung, an dem der Allmächtige über Leben und Tod entscheidet, in den chassidischen ebenso wie in den misnagdischen Häusern große Wachslichte angefertigt werden. Aber der siebenmal gefaltete Docht wird nicht früher in das Wachs gelegt, als bis aus den Fäden die Namen eines jeden lebenden Familienangehörigen, wie jedes toten zusammengelegt worden ist. Zwischen den Lebenden und den Toten ist ja nur ein äußerer Unterschied.
Reicher an Bräuchen, ungleich verinnerlichter ist das Leben der polnischen Chassidim. Hat doch auch heute noch — in diesen aufgeregten Tagen — der Chassidismus gerade in Polen die größte Zahl seiner Anhänger. Dort hat er nur wenig von seiner alten Kraft und seinen alten Formen verloren. In jenen Zeiten, von denen ich hier berichte, war der polnische Chossid ein Wesen, dessen Leben zwischen Himmel und Erde schwebte und in seiner Verklärtheit dem praktischen Alltag entrückt schien. Im Gebet erst reifte sein Menschtum zur Ganzheit und Schönheit aus. So heilig war das Gebet, daß es erst aus der Seele emporsteigen konnte, wenn alle irdischen Gedanken verbannt waren. Lieber gar nicht beten, als ohne Inbrunst beten, war ihr Grundsatz. Sie verschmähten darum die zeitlichen Grenzen, die für das Gebet vorgeschrieben waren, sie harrten der Feierstunden. Und wollte sich die Seele nicht aufschwingen zur Weltvergessenheit, dann mußte ein Gläschen Wein — des Brechers der Sorgen, des Bringers der himmlischen Freuden — nachhelfen. Ihr Auge, aus dem die Flammen des inneren Brandes schlugen, sah die Welt erfüllt mit guten und bösen Geistern. Sie nahmen mannigfache Formen an. So erschien ihnen die Frau als ein Dämon, der die Menschen verführt und in die Niedrigkeit herabzerrt. Lieber einen weiten Umweg machen, als zwischen zwei Frauen hindurchgehen.
Das Verhältnis der übrigen Judenheit — der Misnagdim — zu den Chassidim ist sehr feindlich. Zwischen den litauischen Chassidim und Misnagdim bestehen weniger Unterschiede. Und Konflikte sind nur selten, weil sie auch viel Gemeinsames haben, hauptsächlich die Talmudverehrung. Die polnischen Chassidim dagegen ignorieren mehr oder weniger den Talmud und schöpfen ihre Weisheit und Begeisterung aus ihren heiligen Büchern. Ein interessanter und bezeichnender Beleg für dieses feindliche Verhältnis zwischen den beiden Richtungen ist das Liedchen der Misnagdim über die Chassidim:
:|: Wer geht in Schül arayn?:|:
Unsere heilige Idelach.
:|: Wer geht in Schenk arayn?:|:
Unsere Kotzker Chassidimlach.
:|: La, la, la, la, la, la:|:
:|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:
Auch die Wengeroffs waren Chassidim, aber litauische. Ich, die Tochter des Misnagid, sah und hörte hier viel Neues und mußte mich allmählich an manches Fremde gewöhnen.
Meine Schwiegereltern waren sehr gastfreundlich, und in ihrem Hause verkehrten viele Leute. Dieser Verkehr war aber ein ganz anderer als der bei den Meinigen in Brest. Da es in Konotop keine vornehmen jüdischen Familien gab, so bildete sich allmählich der Verkehr mit Nichtjuden aus, der sich bald recht freundschaftlich und rege gestaltete. Junge Offiziere, Gutsbesitzer mit ihren Frauen und Geschwistern besuchten meine Schwiegereltern oft und gerne. Auch manche künftige Berühmtheit Rußlands befand sich darunter, wie: Dragomirow, der spätere Generalgouverneur von Kiew und Lehrer Alexander des III., Ponamariew, Mescenzow und noch andere, die später als Schriftsteller oder auf militärischem Gebiete bekannt wurden. Durch diesen Verkehr schlichen sich unvermerkt auch »christliche« Sitten ins Schwiegerelternhaus ein. Es entstand ein Gemisch von echt jüdischer Religiosität und nichtjüdischen Gebräuchen.
Allmählich fing ich an, mich an das neue Leben zu gewöhnen und schloß mich fest und innig meinen Schwiegereltern und den Geschwistern meines Mannes an. Sie bemühten sich alle, mir über den Schmerz der Trennung von den Meinigen hinwegzuhelfen, mir das eigene Elternhaus zu ersetzen. Ich war wie die Tochter im Hause. Auch manche Arbeit in der Wirtschaft übernahm ich. So war das Teeeingießen des Morgens und Abends, das je zwei Stunden andauerte, bald mein Amt. Anstrengend war die Erfüllung dieser Pflicht im Hochsommer während der großen Hitze. Nach vollendeter Arbeit war ich triefend naß. Hier, am brodelnden Samowar war es, wo mein Schwiegervater, sonst ein schweigsamer und etwas mürrischer Mann, mit mir die liebevollsten Gespräche führte und sich stets nach meiner Gesundheit erkundigte.
Zwei Menschen im Hause waren am meisten tätig: der Schwiegervater und die Großmutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau eine große Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand vortrefflich zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu den schmackhaftesten Leckerbissen wußte sie alles herzurichten. Sie war ein besonderer Künstler im Einkochen der mannigfachsten Früchte, denen sie dabei ihr natürliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt waren ihre »Knischi«, Pastetchen, die sie mit Gänseschmalz, Grieben, Gänseleber, auch mit in Gänseschmalz gedämpftem Sauerkohl zu füllen pflegte. Ihr Meisterstück aber auf dem Gebiete stellten ihre Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weißen Honig und goß ihn nebst etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rührte alles mit einem Holzlöffel gut durcheinander und ließ die Masse ein wenig abkühlen. Dann nahm sie etwas von dem Teig, in den noch gute große Haselnüsse hineingeknetet wurden, zwischen beide Hände und rieb, zog, drückte ihn so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflächen ablöste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde.