Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Sie war der Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den Armen stets zur Seite. Täglich fast sah man die alte Frau von einer Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurückkehren. Der eine wollte von ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner Tochter. Ein dritter klagte ihr über Schmerzen in der Brust. Eine Frau bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in Geburtswehen daliegt, usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit guten, verständigen Worten ab. Die andern, bei welchen die Not größer war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins Kontor, um sich hier über verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zu informieren. Hastig kehrte sie zurück, warf ihren Mantel um und eilte zu der Wöchnerin.
Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen mir noch einige in Erinnerung sind. Bei Brustschmerzen und starkem Husten ließ sie während eines ganzen Monats das folgende Getränk nehmen: Hafermehl, Sahne, Butter und vier Lot kandierten Zuckers mußten zusammen gut aufgekocht werden. Dieses außerordentlich nahrhafte Getränk kräftigte die Leute sehr bald und der Husten ließ nach. Zur Nachkur mußte der Kranke süße Sahne nehmen, die in einer Flasche so lange geschüttelt wurde, bis sich an der Oberfläche kleine Krümel Butter zeigten. Wurde diese Kur gewissenhaft durchgeführt, so war sie meistens erfolgreich. — Bei Rheumatismus, Blutstockungen und Kopfschmerz ließ sie vier bis sechs Wochen lang einen großen Kelch einer Abkochung von Sarsaparilla trinken. Bei Blutwallungen nach dem Kopfe und Schwindelanfällen war ihr souveränes Mittel der Aderlaß, wobei ein Teller voll Blut abgelassen wurde. Bei Fußbeschwerden ließ sie Bäder von durchgekochten grünen Pappelblättern machen. Sehr häufig empfahl sie auch Bäder aus einer Abkochung von trockenem, zerriebenen Heu. Dabei bevorzugte sie jene zerriebenen Heubröckel, wie sie sich in der Scheuer bei lange lagerndem Heu am Boden finden. Diese Bäder galten ihr übrigens auch als ein treffliches Mittel für kranke und schwächliche Kinder. Als allgemeines ableitendes Mittel bei den mannigfachsten Beschwerden liebte sie Pflaster von spanischen Fliegen. Diese wurden so lange auf der kranken Stelle belassen, bis sich eine Blase bildete, die sie dann mit einer Scheere öffnete und mit Buchnersalbe — eine Art auf Leinwand gestrichener Zugsalbe — längere Zeit offen hielt. Bei skrofulösen Kindern empfahl sie, Bäder aus Malz oder Rinde von jungen Eichen zu machen. Senfpflaster gab sie zwei- und dreijährigen Kindern bei Leibschmerzen. Ein sehr rabiates Mittel wandte sie bei Halsschmerzen und Mandelentzündungen kleiner Kinder an. Sie tauchte ihren Zeigefinger in heißes Wasser und massierte die Drüsen vom Munde her. Die Kinder machten dabei natürlich einen großen Lärm; und ich sehe noch die Alte, wie sie durch Schnalzen und Schmatzen mit den Lippen die Kinder zu beruhigen suchte. Versagten aber alle ihre Methoden, dann griff sie zu einem heroischen Mittel. Ich selbst hatte die Gelegenheit, diese Prozedur bei meinem Kinde zu verfolgen. Nach dem Tode meines erstgeborenen Kindes gebar ich ein Mädchen, das in seinem ersten Jahre — es wurde noch an der Brust ernährt — plötzlich zu kränkeln anfing. Es wurde immer blasser, immer schwächer und magerte ganz ab. Die Alte hatte alle ihre Mittel schon angewandt. Aber keines half. Das Kindchen siechte immer mehr und mehr dahin. Mit einem feierlichen Ernste sagte sie mir: sie werde noch ein Mittel probieren, aber das sei ein furchtbares Mittel, und es sei nicht unmöglich, daß das Kind unter Umständen dabei zugrunde gehen könnte. Das Kind schien uns ohnehin verloren. Und so entschlossen wir uns denn, diesen letzten entscheidenden Versuch zu wagen. Ein Ochse wurde auf dem Hof geschlachtet. Noch ehe man das Fell abzog, schnitt man den Leib auf und nahm den dampfenden Magen heraus. Er wurde in eine Krippe gelegt und mit einem wollenen Tuch bedeckt, damit er warm bliebe. So wurde er in das Krankenzimmer gebracht. Die Alte schnitt nun mit einem großen Küchenmesser den Magen auf, schob den dampfenden Speisebrei auseinander und setzte nun das halbtote Kind mitten hinein. Mit der einen Hand hielt sie das Köpfchen fest, mit der andern bedeckte sie immer wieder das Körperchen des kranken Kindes mit dem dampfenden Mageninhalt. Schon nach wenigen Minuten röteten sich die Wangen des blassen Kindes wieder. Die sonst halbgeschlossenen Augen öffneten sich und mit schwacher Stimme rief es mich: — Mamm', Mamm'. Nun nahm die Alte das Kind aus den Ochsenmagen, badete es und legte es in die Wiege. Nach einem halbstündigen, ruhigen Schlaf verlangte es zu essen. Seit jener Stunde, von der an es sich immer kräftiger und kräftiger entwickelte, aß es mit bestem Appetit und ich kann versichern, daß dieser Appetit auch heute noch meine Tochter — sie ist nun schon 55 Jahre alt — nicht wieder verlassen hat.
Man kann von der Großmutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, daß sie eine große Praxis besaß. Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreißenden Frau unentbehrlich war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen »Beileniu« zu rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhältnissen angepaßt. Sie trug große, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu denen sie hinkam, so groß, daß sogar Windeln für das Neugeborene fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie riß ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück und erzählte häufig und gern von ihren Erlebnissen.
Nach der unter den Juden dieses Ortes herrschenden Sitte wurde die Hebamme stets nach der geleisteten Geburtshilfe mit einem weißen Hemd beschenkt. Meine Großschwiegermutter besaß viele solcher Hemden, deren Annahme sie aus Zartgefühl nie verweigerte. Sie lagen in einer Kommode aufbewahrt. Verlobte sich im Städtchen ein armes Mädchen, oder war die Not irgendwo so groß, daß sogar Wäsche fehlte, dann wurde die Kommode geöffnet und der Vorrat hervorgeholt.
Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die sich in ihrem kleinen beschränkten Kreise ein Betätigungsfeld schuf und das soziale Empfinden in diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange ununterbrochene Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an.
Es könnte dem Leser etwas vag vorkommen, daß ich an ein einziges Beispiel anknüpfend zu solch allgemeinen Schlüssen gelange. Aber die Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausführlich geschildert habe, war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen. — Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte.
Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und ging dann in die Synagoge.
Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie aß wenig und einfach. Für die Gäste aber mußte stets ein reichbesetzter Tisch hergerichtet werden, was in jenen Zeiten in jedem reichen, vornehmen jüdischen Hause üblich war.