Die Bevölkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle Bekannten und Freunde brachten ihr die größte Achtung entgegen. Ihr Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als ein Gesetz, besonders bei ihrem Manne und uns Kindern.

Trotzdem sie aber die Macht besaß, ließ sie dies niemals jemanden fühlen. Nichts von Egoismus und Selbstüberschätzung war in dieser Frau, keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religiöse Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den Willen Gottes — das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. — Daß diese Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die in ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmudstudium, wie auch zu dem der russischen Sprache anhielt.

Ihr Gatte, ein hageres Männchen mit blitzenden, gutmütigen Augen, war ihr ganz ergeben und fügte sich, weil er wußte, daß sie ihm in jeder Hinsicht überlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschäfte tätig. Das entscheidende Wort führte jedoch seine Frau. Wohl konnte er gelegentlich gegen die Enkelkinder streng werden. Aber niemand fürchtete ihn, weil man sein weiches Gemüt kannte. Er war tief ergriffen von allem menschlichen Elend. Szenen auf dem Hofe, die sich unter Dienstleuten abspielten, und die sonst niemand bemerkte, konnten ihn tief rühren. Im gewöhnlichen Leben war er ohne Initiative, energielos... Aber beim Vorbeten in der eigenen kleinen Synagoge wurde er ein neuer Mensch. Seine ganze Gestalt veränderte sich in dem Augenblick, da er die ersten Gebetworte sprach. Eine Kraft und ein Feuer kamen in seine Stimme, daß man staunen mußte, wo dieser winzige Körper sie hernahm. Der Ton seines Betens wurde immer bewegter, immer verinnerlichter. Er geriet in eine weltentrückte Verzückung. Der kleine gebückte Mann wurde groß, so groß und erhaben, wie die Worte es waren, die er sprach.

Mir persönlich war er sehr gewogen und später, als mein Erstgeborener einige Monate zählte, kam der Urgroßvater jeden Morgen vor Tagesanbruch zu ihm ins Zimmer und spielte eine Stunde mit dem Kinde. Der Kleine erkannte ihn stets und streckte ihm die Händchen entgegen. Er nahm ihn aus der Wiege, hob ihn hoch über den Kopf und sang dabei: Haisurki, haisurki...

Das Kind lachte laut, zappelte vergnügt in der Luft und fuhr mit den Händchen dem Alten ins Gesicht und in den Bart.

Diese Szene wiederholte sich regelmäßig jeden Morgen. Halbschlummernd hörte ich manchmal aus meinem Schlafzimmer dem Spiel zu, und es wurde mir dabei stets so warm, so behaglich zu Mute.

Eine Geschichte, die in der Familie ein Geheimnis war und mir erzählt wurde, knüpft sich an dieses Ehepaar: Vor vielen Jahren wurde der Mann infolge einer Denunziation ins Gefängnis gebracht. Die tief erschütterte Frau schreckte vor keiner Gefahr zurück, um ihrem Mann Trost und Mut zu bringen. Sie besuchte ihn häufig im Gefängnis, als Soldat verkleidet — eine Tat, die, wäre sie entdeckt worden, ihr den sicheren Tod gebracht hätte.

Auch in dieser heroischen Tat kommt sie mir wie ein Vorbote derjenigen jüdischen Frauen vor, die seit den 80er Jahren an der russischen Revolution teilnahmen und unerschrocken für die gute Sache kämpfen. Aber zu jener Zeit war Rußland noch in tiefen Schlaf versunken, und für eine jüdische Frau gab es damals noch keine andere Möglichkeit, ihren heroischen Geist zu offenbaren, als im engen, geschlossenen Familienleben. Innerhalb dieses Kreises hat sie auch vollauf ihre Mission erfüllt.

Munter trug meine Großschwiegermutter ihre Sorgen und blieb bis ins hohe Alter gesund und rüstig. Als ich ins Wengeroffsche Haus kam, war sie noch schön — eine Gestalt von mittlerer Stärke, ein ovales Gesicht, kluge, gute Augen, eine leicht gebogene Nase und ein sehr kleiner Mund mit blendend weißen Zähnen, der sich aber fast nie zum Lachen verzog; ein Kinn, auf dem seltsamerweise ein Bart wuchs, den sie sich jede Woche entfernen lassen mußte.

Ihr ganzes Trachten und ihre Mühe galten ihrem Sohne, meinem Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen, ihrer Sorgen und Wünsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehörte dem Sohne, dem lichten Stern ihres mühevollen Lebens.