Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit näher kennen zu lernen, weil er sehr oft auf Geschäftsreisen ging; und wenn er nach Hause zurückkehrte, nahmen ihn auch die Geschäfte ganz in Anspruch. Er war ein kluger Mann mit großen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen jedermann und seiner Frau gegenüber der liebenswürdigste Kavalier und geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich herrschsüchtige Gattin war von ihrer Allwissenheit überzeugt. Die allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose Vergötterung ihres Mannes unterstützten sie noch mehr in ihrem Selbstbewußtsein. Sie besaß Kenntnisse des Hebräischen, was ihren Stolz noch vergrößerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in Konotop, sondern in ganz Klein-Rußland damals zur Seltenheit gehörte.

Sie stand sehr spät auf. Wenn sie im Eßzimmer erschien, suchten entweder meine ältere Schwägerin oder ich ihr das Frühstück mit aller Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmädchen und Bediente erhielten ihr Teil sogleich während des Frühstücks. Nach dem Frühstück nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Fürstin gleich ihr ganzes Hab und Gut übersah und beherrschte. Und alle im Hause, männliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer Stimme.

Außer einem Schwager und seiner Frau, der Schwägerin Kunze, einer ungewöhnlich guten und schönen Frau, waren die übrigen Mitglieder des Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.

Das war die Umgebung, in der ich mein neues Leben lebte. Es war ein vornehmes jüdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das, was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuüben und zu entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und Verehrung der Eltern — Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden hoffen und die hier mit großem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung und Verehrung empfand ich für meine Schwiegereltern deshalb, weil sie Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie standesgemäß erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschäfte gründeten.

Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschönte nicht jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir im Schwiegerelternhause gar nüchtern vor. Es störte meine Andacht, daß am Tisch von Geschäften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt sich mit seinem Vater über neu gekaufte Pferde, ihre guten und schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute — mein Mann machte es nicht anders — schliefen oft aus Langeweile bei Tisch ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand. Man erfüllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war; man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue Weise. Kam ein Geschäftsbrief am Sabbath an, so öffnete ihn der Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.

Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwürdigen Rabbi! Nichts verriet in ihm den Geschäftsmann, und weder Freitag abends, noch den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort über geschäftliche Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden beiseite gelegt und erst am Abend geöffnet. Im Wengeroffschen Hause war man nüchterner. Die stille, verklärte, fromme Begeisterung, die an Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein Elternheim: ebenfalls große Räume, kostbares Mobiliar, schönes Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, häufige Gäste...

Ich las in Konotop sehr viel, hauptsächlich russisch. Die deutschen Bücher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, — und jetzt kamen die russischen Bücher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die Reihe. Ich las die Journale »Moskauer Nachrichten«, »die Nordbiene« usw. und unterrichtete meinen Mann, der äußerst lerneifrig war, in der deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, über großen Folianten gebückt. Beim Tagesanbruch verließen sie erst das Studierzimmer.

Häufig saß er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen Schemel, von oben bis unten in einen großen Lappen, »Plachte,« gehüllt, das Haupt mit Asche beschüttet und tat »Goles abrichten« d. h. das Joch des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden Juden einer übt.

Seit unserer Verlobung erfüllte meinen Mann mehr und mehr eine mystisch-religiöse Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmählich in dem schwärmerischen Jüngling den heißen Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort müsse er vom Rebben eine erschöpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rätsel erhalten. Dort wollte er seine Jugendsünden bekennen und um Ablaß bitten.