Aber ich danke Gott, daß es ihm gefiel, mich bis zu diesem Tage zu erhalten, und daß es mir vergönnt war, die Stunde schlagen zu hören, die so große Wandlungen im jüdischen Leben brachte, das Wiedererwachen der Zionsliebe, das Ringen um die volksverwaiste Jugend. Gleich an dem ersten Klang erkannte das alte Herz die große jüdische Melodie, die so lange geschwiegen und einst so tief und so weit ertönte...


Zieht nun hinaus, ihr Blätter in die Welt. Ihr waret mein tröstender Schatz, da sich Gewitterwolken um meine Heimat ballten. Wolken, aus denen grausig die Gespenster des Mittelalters lugten. Einsam und verlassen zog ich in ein gastliches Land. Bei meinen Schwestern Käthe und Helene in Heidelberg fand die wandermüde Greisin ein Heim. Die Liebe endet nimmer. Ich hatte Helene einst in schwerer Krankheit gepflegt, hatte ihren Kummer getragen gleich wie den meinen. Nun nahm sie die Einsame auf. Eine Heimat wurde mir der große, viereckige Tisch in ihrem Zimmer, auf dem meine Zettel lagen, die armseligen Reste eines reichen Lebens. Aber der milde Glanz vergangener Tage lag über ihnen. Die Erinnerung hob die steinernen Male von den Grüften der Zeiten und weckte die Vergangenheit zu neuem Sein. Es waren wundersame Stunden. Weißt du noch, Helene? Wie oft lachten wir in den Unmut der Gegenwart hinein in seligen Gedanken! Und ach, die Tränen, die dummen, wie oft umflorten sie unsere Blicke...

Zieht nun hinaus, ihr Blätter, in die Welt! Aus der Liebe seid ihr geworden, die Liebe hat euch behütet in meinen Wanderjahren. Bringt nun auch die Liebe zum alten Volkstum meinen jungen Brüdern und Schwestern!...

Ob ihr die Kraft habt zu diesem beglückenden Segen — ich weiß es nicht. Aber ich möchte es so gerne hoffen. Und ich darf es vielleicht hoffen, ohne darum schon als eitel zu gelten, weil ein Mann, der meine Erinnerungen liebte, mir den Mut der Hoffnung gab. Dr. Gustav Karpeles, der so früh dahinging, dieser gütige und kenntnisreiche Mann, schrieb mir die folgenden Briefe, den letzteren Brief noch kurz vor seinem Tode. Ich setze sie hierher, und mag ihm selbst nur seine Liebenswürdigkeit gegen eine Greisin die Feder geführt haben.

Berlin W., den 25. 1. 06. Kurfürstenstr. 21/22.

Sehr geehrte gnädige Frau!

Ich habe Ihre Arbeit sofort mit dem größten Interesse gelesen.

Für eine einmal wöchentlich erscheinende Zeitschrift sind, wie gesagt, Ihre Memoiren nicht zu verwenden, da diese in einem so großen Werk völlig ertrinken würden. Dagegen wäre es wünschenswert, wenn diese interessanten Zeit- und Kulturbilder in Buchform erschienen.

Das Kapitel über Dr. Lilienthal bin ich übrigens gern bereit, in der »Allgemeinen Zeitung des Judentums« abzudrucken, und wenn Sie damit einverstanden sind, bitte ich Sie, es mir freundlichst retournieren zu wollen.