[Helsingfors.]

Wir gelangten nach der Festung Sweaborg. Fremdes Volk, fremde Sitten und Gebräuche. Eine fremde Sprache! Ich verstand weder Finnisch noch Schwedisch und konnte mich mit der einheimischen Dienerschaft nur durch Vermittelung des einzigen russischen Angestellten verständigen. Aber schon nach Verlauf von zwei Monaten gelang es mir, mit Hilfe der Ollendorfschen Methode so viel zu erlernen, wie ich notwendig brauchte.

Trotz des rauhen Nordens und des siebenmonatlichen strengen Winters lebte hier in Helsingsfors ein munteres, lebenslustiges, intelligentes Volk, Schweden und Finnen. Äußerlich sind diese beiden Nationen leicht voneinander zu unterscheiden. Während die Finnen, Männer wie Frauen, einen robusten vierschrötigen Typus mit blondem Haar, Kartoffelnase und kleinen Äuglein darstellen, sind die Schweden hochgewachsen mit feinen, edlen Gesichtszügen, wundervollem, starkem, blondem Haar und gesunden, großen, weißen Zähnen. Die Bevölkerung lebte hier sehr bescheiden. Trotzdem die Lebensmittel sehr billig waren, bestand ihre Mahlzeit gewöhnlich aus Hering, gekochten Kartoffeln und Schwarzbrot. Dieses Schwarzbrot wurde nach der Landessitte sowohl vom Volk wie von der Bürgerklasse im Herbst gebacken und ein Vorrat für den ganzen Winter vorbereitet. Es hatte eine runde Form; in der Mitte war ein Loch. Man zog sie alle auf eine Schnur und hängte sie so zum Trocknen auf. Diesem trocknen Schwarzbrot, so behauptet die Bevölkerung, verdankt sie ihre gesunden, schönen, weißen Zähne.

Auch die Wohlhabenden in der Stadt führten eine äußerst bescheidene Lebensweise, und ihre Mahlzeiten waren auch nicht viel üppiger. Dafür wurde aber in anderer Hinsicht geradezu Luxus getrieben: im Punkte Bildung und Vergnügungen kannte man in Helsingfors keine Sparsamkeit. Die Stadt, die nur zwanzigtausend Einwohner hatte, besaß zwei Theater, drei Leihbibliotheken, komfortable Hotels und zahlreiche Cafés.

Es war ein freies, stolzes Volk, das hier lebte, stolz besonders den Fremden — Russen — gegenüber, die es »rüssene Pergele« (Russenteufel) nannte. Wenn man einem Bettler ein Almosen gab, so drückte er wohl dankbar dem Geber die Hand. Ein Droschkenkutscher aber lehnte fast immer das Trinkgeld stolz ab.

Auch geistig war die Bevölkerung fortgeschritten, interessierte sich für das, was in der großen Welt vorging. Nie kehrte ein Bauer, der die Ware in die Stadt brachte, ohne seine Zeitung »Soimele« (»Finnland«) aufs Land zurück.

Unsere Wohnung war in einer Kasematte und bestand aus vier kleinen, dunklen Räumen, deren Wände aus mächtigen, wohl zwei Meter dicken Granitsteinen zusammengefügt waren. Wunderlich war unser Schlafzimmer. Es hatte ein Fensterbrett, auf dem ein Tisch und Stühle Platz hatten. Freilich war es für andere Zwecke bestimmt. Während eines Krieges sollte da ein weniger friedliches Möbel stehen: eine Kanone! Aber einen Vorzug hatte dieses Schlafzimmer: von dem Fenster gab es eine herrliche Aussicht auf den Finnischen Meerbusen mit seinen dunklen, waldigen Ufern. Hier war mein Lieblingsplätzchen. Hier pflegte ich mit den Kindern zu sitzen, bei einer Handarbeit auszuruhen. Hier konnte ich träumen, stundenlang auf das weite Meer schauen und seinem ewigen, geheimnisvollen Murmeln lauschen.

Wir wohnten in der unmittelbaren Nähe des Kommandanten und der Offiziere, mit denen wir auch bald bekannt wurden und die bald in unserem Hause verkehrten.

Einer von ihnen erklärte sich bereit, meinen älteren Sohn in der russischen Sprache zu unterrichten. Mein Mann warf sich eifrig auf das Studium des Finnischen und Schwedischen und machte bald so große Fortschritte, daß er sich der beiden Sprachen in geschäftlichen Angelegenheiten bedienen konnte. Daneben lernte er mit der Tochter englisch. Die beiden älteren Kinder besuchten eine französische Schule in der Stadt. Jeden Tag mußten sie über das Meer fahren.