Ich war stolz, so viel Wißbegier bei meinem Manne und der heranwachsenden Jugend zu sehen, stolz, glücklich und doch zugleich auch traurig, denn der Lerntrieb erstreckte sich nicht auf das, was mir vor allem heilig und wert war.

Hier in Helsingfors lebten wir fern von allem Jüdischen. In diesem Lande bestand nur eine kleine Gemeinde alter Soldaten, die noch seit der Zeit Nikolaus I. das Privilegium, hier zu wohnen, besaßen. Sie hatten eine kleine Synagoge und einen sogenannten Rabbiner, der zugleich Schochet (Schächter) war.

Eine Gemeinde »Nikolajewsker« Soldaten. Das sagt für die Eingeweihten genug. In den zwanziger Jahren hatte man die Juden auf alle mögliche Weise zum Heeresdienst, der fünfundzwanzig Jahre dauerte, herangezogen. Herangeschleppt! Galt doch infolge der Härte und Länge der Dienst für schlimmer als der Tod. Was Wunder, daß die ausgemergelten Juden sich in diesen Abgrund nicht bei Lebzeiten schleudern lassen wollten. Da man aber für die Ergreifung eines flüchtigen jüdischen Jünglings — sie waren oft nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre — 20-30 Rubel bezahlte, so fanden sich natürlich auch unter den Juden Subjekte, die ein Geschäft daraus machten, möglichst viel solchen Sündengeldes zu verdienen. Näherte sich so ein »Chapperl«[11] zum Beispiel einer Schneiderstube, so kam schnell ein guter Freund, um die Schneiderjungen zu warnen — und alles floh rascher als vor der Pest, wo sich nur ein Versteck bieten wollte. Die Ergriffenen nannte man mit dem russischen Wort »Pojmeniky«, (Ergriffene).

In einem kleinen Volksliedchen heißt es:

Sitzen Schneider arim Tisch
Oj, oj, oj nähen
Kimmt a giter Briderl
Ün sagt die Chapperlach gehen!

Die Zahl dieser Volkslieder ist unendlich groß. Eine Reihe geradezu ergreifender Stücke ist in der trefflichen Sammlung von Günzburg und Marek zusammengestellt. Einige möchte ich aus meiner Erinnerung hierher stellen.

Wie es is bitter,
Meine liebe Mitter,
:|: A Schiffele auf'n grünem Gros:|:
Asoj is bitter, meine liebe Mitter,
M' tüt doch mir chappen,
:|: Wie a Hås:|:
Nit wejn i nit schrei,
Meine liebe Mitter,
:|: Nit ich bin dos allein.:|:
Nemmt mir, ŭn vor meinem Herzen
:|: Setz ich mir anieder und wein.:|:
Wie es is bitter, meine liebe Mitter,
:|: A Bäumele ohn Ritter (Zweige).:|:
Asoj is bitter, meine liebe Mitter
M' tut doch mir machen
Far a Moskowiter.

Ein anderes Lied lautet:

As och ün' Weih zu jüdische Kinder,
Sint sei hoben gesehen die Like Liwone[12].
Vün jener Zeit un hoben sei
Kein güt's, ün' kein N'chome[13]
As mĕ führt jüdische Kinder zim Priom[14],
Tüt doch zittern die N'schome[15].
Drüm beten mir dir Reboine schel oilom[16]
Du sollst üns geben far unser Zar[17] a stickele Nichome.

Bitter is doch ünser leben asoj wie der Toit
As mir darfen essen dem Jewonischen Broit[18]
As mir darfen gehen in »schatnes«[19] gekleid't,
Dus is doch ünsere bittere Noit.
Der wos im Himmel, der versteht. Gott Gott worüm bist di dir vün üns pourisch[20]!
Du weißt doch as mir nit kennen nicht hitten deine geseres[21]
Dus is doch unsere bittere Breres[22],
Drim betten mir dir Reboine schel oilom
Du sollst üns moichel sein[23] auf ünsere Aweres[24].