Es war ein geradezu unnatürlicher Zustand. Und in jener Zeit ist auch wohl der Grund gelegt worden für die Degeneration eines großen Teils der russischen Judenheit. Diese halbwüchsigen Mädchen wurden Mütter. Mütter von Kindern, deren Väter noch halbe Kinder waren. Aber die armen Eltern brachten auch diese Opfer. Der Mensch mochte gefährdet sein! Aber der Glaube, das Judentum durfte nicht leiden!
War es doch unvermeidlich, daß der Heeresdienst die Beachtung all der jüdischen Bräuche, dieses heiligen Erbes, ausschloß. Das waren noch die Glücklicheren, denen es beschieden war, in Städte mit einer jüdischen Gemeinde zu kommen, wo sie wenigstens mit ritueller Kost von der Gemeinde versorgt wurden.
Nur einen Vorteil gewährten diese schweren Militärjahre: Waren diese jüdischen Soldaten nicht den unerhörten Anstrengungen und den Brutalitäten ihrer halbvertierten »Vorgesetzten« erlegen und hatten sie mit heilem Körper die fünfundzwanzig Jahre ihres Dienstes überstanden, so durften sie überall in Rußland wohnen. Dieser Vorzug brachte sie bisweilen in günstigere Verhältnisse, so daß sie nicht selten später reiche Leute wurden. Aber der größte Teil von ihnen hat es nicht so weit gebracht.
In einer Gemeinde Nikolajewsker Soldaten mußte ich nun leben. Nach Wilna—Helsingfors!
Ich hatte große Mühe, unter solchen Bedingungen eine rituelle Küche zu führen: Das Fleisch mußte stets aus der Stadt geholt werden und ich selbst mußte die Küche besorgen, weil ich mich auf eine christliche Köchin nicht verlassen wollte. Und wie sich erst die Schwierigkeiten vor Pesach häuften, kann nur eine religiöse Frau und eine gute, echt jüdische Wirtin begreifen.
Aber über alle diese Schwierigkeiten hinweg half mir der heiße Wunsch, die Tradition für die Kinder zu erhalten und vor allem die Liebe, die warme, treue Liebe zu meinem Manne. Nicht umsonst sagt das Volk: »Mit einem geliebten Manne auch übers Meer.«
Wir suchten nach einem jüdischen Lehrer für die älteren Kinder, konnten aber keinen finden. So kam es, daß mein Mann selbst dem älteren Sohne Unterricht erteilte. Aber er war kein Lehrer, hatte wenig Geduld und vergaß sich oft. »Du Esel, was wird aus dir werden?« schrie er ihn oft an, wobei es nicht selten zu Handgreiflichkeiten kam. Auf das Kind konnte diese Behandlung nicht ermunternd und anspornend wirken; die Stande wurde ihm zur Qual. Ich mußte oft dazwischen treten und die Aufregung besänftigen. Der Unterricht hörte bald auf, und wir bemühten uns, einen jüdischen Soldaten, der in der Festung wohnte, als Lehrer zu engagieren. Aber leider wollte er auf unseren Vorschlag nicht eingehen.
Dieser jüdische Soldat, der uns vom Kapitän Sommer als ein Heiliger geschildert wurde, war eine so ungewöhnliche und interessante Erscheinung, daß ich von ihm etwas ausführlicher sprechen muß. Religiös, bescheiden, schweigsam und still führte er ein fast asketisches Leben. Sowohl seine Vorgesetzten wie auch seine Kameraden sprachen von ihm als von einem göttlichen Manne. Er wurde von allen mit besonderer Auszeichnung behandelt. Trotz der bevorzugten Behandlung, die er erfuhr, vernachlässigte er aber nie die Dienstpflichten, erschien stets pünktlich auf dem Exerzierplatz und war eifrig im Dienst. Die übrige Zeit verbrachte er über Taldmudfolianten gebückt, in seinem eigenen Kämmerchen, das ihm bewilligt worden war.
Seine Nahrung bestand in Schwarzbrot, »Kwas« (einem kohlensauren, alkoholfreien Getränk), Kartoffeln und Hering. Aus religiösen Gründen aß er nie aus dem gemeinsamen Kessel. Am Sabbath erhielt er Urlaub, nach der Stadt zu gehen, um dort einmal ordentlich zu essen.