Seine Talmudkenntnisse waren tief und bedeutend; und nicht selten saß mein Mann bei ihm, von dem niemand etwas Näheres wußte, der nie etwas von seiner Herkunft verraten wollte, in seinem winzigen, ungeheizten Stübchen und diskutierte mit ihm. Mein Mann zählte diese Stunden auf der einsamen Insel zu den interessantesten. Er kehrte von dort stets in guter Laune zurück und erzählte mir voll Bewunderung von diesem einsamen Menschen, der als Arkadius Petrow im Regiment bekannt war.
Den Unterricht meines Sohnes übernahm er nicht, er schlug unsere Bitte ab, mit der Begründung, daß es ihm zu viel Zeit rauben würde.
Es vergingen ein und ein halbes Jahr. Friedlich und angenehm floß unser Leben unter dem kalten und abgelegenen Himmelsstrich dahin.
Der Bau der Kaserne näherte sich seinem Ende, und mein Mann sah sich nach einer anderen Beschäftigung um.
Er ging nach St. Petersburg. Ich blieb wieder einmal allein mit den Kindern zurück — Es war Dezember — kurze, finstere Tage, welchen jene stürmischen nordischen Winternächte folgten. Es war eine traurige Zeit für mich!
Am Tage blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken übrig. Da war ich beschäftigt mit der Wirtschaft und den Kindern. Aber in den Nächten, in den endlosen, einsamen Nächten lag ich stundenlang mit weitgeöffneten Augen und horchte auf das Sausen des Windes, auf das Heulen der hungrigen Wölfe, die der wilde Sturm widerstandslos von den festgefrorenen Ufern ins Meer jagte. Die Stimmen wurden mir inzwischen so vertraut, daß ich mit ihnen plauderte und ihnen mein Weh und Leid klagte — Und tausendstimmig kam die Antwort — Zuerst ein Gemurmel wie Klagen, Weinen und Stöhnen — so herzzerreißend, daß ich darüber mein eigenes Weh vergaß. Allmählich beruhigte sich die See und plötzlich entstiegen den Tiefen tausend lustige, fröhliche zarte Töne und erklangen durch die Lüfte wie silberne Glocken.
So ging die Zeit dahin. Endlich, nach einigen Wochen — wie ewig lang kann eine Woche sein! — kehrte mein Mann aus Petersburg froh und zufrieden zurück, denn er war dort in einem neubegründeten Bankhaus als Leiter angestellt worden. Wir blieben aber noch bis zur endgültigen Vollendung des Baues der Kaserne in der Festung Sweaborg.
Der Frühling kam.
Am dritten Tage des Peßach segnete mich Gott mit einer Tochter, die ich Sina nannte. Es waren schwere, schwere Stunden.