Ungleich größer war die Zahl der reproduzierenden Künstler. Die Musik war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Kleßmorim nicht nach Noten spielen, aber in ihr ungefüges, wildes Spiel legten sie ihre ganze Seele. Und sie wußten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und — Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer Chason — und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe wanderten — war ein Ereignis. Er stillte auch jene Bedürfnisse, denen heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen »Grammen« die Zuhörer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch auch ein Künstler. Verfolgt man die große Schar der ausübenden Musiker, die jetzt die ganze Welt überschwemmen, und weiß man die verdrehten Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Kleßmorim, Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier erzählen. Die Geschichte ist eben typisch.
Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei Jungen, von denen der ältere sieben, der jüngere sechs Jahre zählte, zu mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: »Das sind die Kinder von Badchen Fidelmann« vorstellte. Es waren blasse, magere Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen anblinzelten. »Ich möchte, daß sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch spielen hören, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse für sie zu gewinnen.« »Gut,« sagte ich, »ich werde mein Möglichstes tun.« Unterdessen lief der ältere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine, polnische Lieder und Tänze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der ältere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende war. Nun begann der Jüngere mit Eifer zu spielen — seine Äuglein funkelten, seine Gesichtszüge belebten sich, und ich folgte ergriffen den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prüfung war beendet. Ich sagte Herrn F., daß ich und meine Freunde für das Unterrichtshonorar — monatlich acht Rubel — gutsagen würden. Somit wurden die Kinder in Frieden entlassen, um schon am nächsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den sie hatten abbrechen müssen, da der Lehrer ein größeres Honorar verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte bei dem Jüngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Außer der Musik ließ ich sie bei dem jüdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prüfungen zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich für das Spiel des Kleinen zu interessieren.
Es pflegte oft zu geschehen, daß der Kleine den Korb mit Lebensmitteln zu mir in die Küche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte, ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. »Ich hoffe zu Gott,« sagte ich, »daß du ein großer, berühmter Mann werden und in Kutschen fahren wirst und will nicht, daß jemand dich mit dein Korbe sieht.« Er antwortete: »Für Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.« Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab, beschloß ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich schrieb an meine Schwester, Exzellenz Sack, sie möge sich des Knaben, von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzählt hatte, annehmen.
Es mußte Geld für die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch mein Schützling Ruwinke, später »Roman Alexandrowitsch« auftrat. Das Konzert hatte den gewünschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner Abreise.
An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten Protektor, über die er sich ganz närrisch freute.
Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glück seiner alten Mutter und all seiner Gönner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn auch, bald über seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten, worauf er naiv sagte: »Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen?« Ich gab ihm einen Rubel für Briefmarken. — Er hat ihn für diesen Zweck nicht verwendet.
Durch Vermittlung meiner Schwester und die Fürsprache Anton Rubinsteins erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange, bis er seiner Militärpflicht zu genügen hatte. Vorher mußte er noch eine Gymnasialprüfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; für seine übrigen Lebensbedürfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk, in deren Häusern er oft mit großer Anerkennung spielte. Er trat in das vornehmste Gardekürassierregiment ein und trug die malerische Uniform, den reich mit Tressen besetzten Hut. Man räumte ihm zwei Zimmer in der Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel die Herzen der Obrigkeit. Um seinen täglichen Übungen zuzuhören, kamen die höchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.
Zur selben Zeit besuchte ein französisches Orchester Petersburg und gab seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militärdienste, in der glänzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Präsidenten Carnot mit großem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er beendigte sein Studium im Konservatorium. Während der Militärzeit konzertierte er in Petersburg, Düsseldorf und Berlin.