[Der Tod meines Mannes.]
Leise und tückisch schlich sich das Gespenst des Todes an unser Heim heran. Mein Mann fühlte sich von Tag zu Tag schlechter. Es stellte sich bei ihm ein Herzleiden ein, das die Aufregung im Geschäft nur immer verschlimmerte. Er sollte nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Aber ich ahnte damals noch nicht, wie nahe sein Ende war.
In den letzten Jahren seines Lebens wurde er still, milde und verfiel in die mystische Stimmung der Jugendzeit, da er sich in die Lehren der Kabbala vertiefte. Ich fühlte, wie er mich beneidete, daß ich mir durch alle Stürme unseres Lebens mein gläubiges Gemüt erhalten hatte —
Er empfand die mystischen Regungen aber dennoch als eine Schwäche. Und er schämte sich ihrer im Stillen. Mich ließ er jetzt gewähren und hatte keinen Hohn mehr für meine religiöse Auffassung und mein Tun. Ja es kam sogar vor, daß er an Feiertagen — er selbst ging nicht beten — zu mir in die Synagoge kam, um, wie er sich verlegen entschuldigte, nach mir zu sehen — Seine Besuche hatten aber eine tiefere Ursache: es war ein Zwang der Seele, der ihn ins Bethaus trieb. Die Atmosphäre der feierlich versammelten betenden Juden zog ihn an.
Er kam ins Schwanken. Die einmal eingeführte Lebensweise mochte er nicht ändern. Die Jugenderinnerungen wurden aber doch immer mächtiger, immer stärker und schlugen ihn in Bande. Die Tradition, die ihm im Blute lag, war eben doch stärker als aller moderne Sturm und Drang...
Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt sich mit allen und spielte den liebenswürdigen Wirt. Es war schon spät in der Nacht, als die Gäste unser Haus verließen. Plötzlich, wie aufgewühlt von einem großen Schmerz, rang mein Mann die Hände und rief: »Ach, sechzig jüdische Kinder saßen hier beieinander und aßen treife!«
Und so erfüllte sich die Prophezeiung meiner Mutter! — Diese Stimmung gewann wieder Macht über viele Männer dieser Generation. Denn in den heiligen Stunden, da sie sich selbst zu offenbaren wagten, fühlten sie den Riß, der durch ihre Seele ging. Der Rausch verflog, die Erinnerungen der Jugend rieben sich den Schlaf aus den Augen und heischten schmeichlerisch ihr Recht. Das Alte nahm sie gefangen. Die neue Zeit lockte.
Mein Mann wurde immer stiller und einsamer. Die einzige Leidenschaft seiner letzten Lebensjahre war die Pflege der Blumen, die er mit väterlicher Sorge betreute. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich auch gern mit der Holzschnitzerei und Kupferstecherei. Aber das tat seinen Lungen nicht gut.
Bis zum letzten Augenblick seines Lebens vertrat er die Interessen seiner Stammesgenossen. Sein Eifer kannte keine Grenzen, wenn es galt, ihnen zu helfen, irgend etwas Nützliches für sie durchzuführen. Da half nicht mein Warnen und Flehen. Er arbeitete dann ohne Rücksicht auf den bedrohlichen Zustand seiner Gesundheit. Jedes jüdische Ungemach traf ihn wie ein eigenes. Und ein Unrecht, das anderen mehr als ihm galt, gab ihm den Tod.
Der Bürgermeister der Stadt Minsk war damals der Graf Czapski, ein vornehmer, gebildeter Mann von echt europäischer Kultur, dessen einziges Ziel es war, Minsk zu europäisieren. So führte er die Straßenbahn ein, ließ ein prächtiges Schlachthaus bauen, die Straßen pflastern u. a. m. Er gab Hunderttausende Rubel für diese Zwecke aus — nicht nur vom Gemeindegeld, sondern er legte auch große Summen aus seiner eigenen Tasche zu. Für seine eigene Person war er einfach und sparsam. Sein Essen und seine Kleidung waren schlicht, ja dürftig. Doch rechnete Graf Cz. bei der Ausführung seiner großen Pläne nicht mit den Mitteln der Bürgerschaft, die in der Mehrheit arme Leute waren und die Ausgaben nicht tragen konnten. Das Resultat seines Eifers war eine städtische Schuld von 200 000 Rubeln, und diese sollten selbstverständlich die Bürger begleichen. Es war eine überschwere Last, die vor allem den Juden aufgebürdet wurde. Mein Mann hielt es für eine Ehrenpflicht, gegen dieses Ansinnen anzukämpfen.