Er arbeitete genaue Aufstellungen für die Ausgaben der letzten Jahre aus, die seine Ausführungen stützen sollten. So ausgerüstet begab er sich in die letzte Sitzung der Stadtduma — deren Mitglied er seit 12 Jahren war. Trotz meiner Beschwörungen und verzweifelten Bitten!
Mein Mann hielt eine zweistündige Rede, die einen starken Eindruck machte. Sie wurde in den Blättern abgedruckt und war das Tagesgespräch in der Stadt. Aber schon am folgenden Tage brach er zusammen.
Am dritten Tage — es war ein Freitag — ging mein Mann zum letztenmal in die Bank, kam aber bald zurück und ließ unseren Hausarzt holen. Der Arzt beruhigte uns, daß es nur eine vorübergehende Schwäche sei. Zwar ahnte ich das Furchtbare schon, doch ließ ich mich gern täuschen.
Mein Mann teilte mir mit, daß er zum Abendessen einen Geschäftsfreund eingeladen hätte und bat mich, gute jüdische Fische vorzubereiten. Der Abend verlief sehr gemütlich, die Kinder spielten auf Vaters Wunsch Klavier und Cello. Die eleganten Räume waren festlich erleuchtet und zum letzten Male herrschte in unserem Heim Sabbathstimmung.
Aber mein armer Mann hatte keine Ruhe, es hielt ihn nicht auf seinem Platze. Er sprang auf und ging hastig in der Wohnung herum.
Er sah auf die spielenden Kinder, auf die schönen Räume, und ich merkte, daß in aller Unrast ein Hauch des Glückes über seine flammenden Wangen strich. — Gott hatte ihm noch eine frohe Stunde vor seinem Hinscheiden gegönnt.
Der Gast nahm Abschied von uns und lud mich ein, mit den Kindern zu ihm nach Libau zu kommen.
Mein Mann begab sich, von seinem Diener begleitet, sofort in sein Schlafzimmer. Die Kinder gingen zur Ruhe. Im Hause wurde es still. Nur ich allein war noch im Eßzimmer beschäftigt.
Plötzlich ertönte schrill die Klingel aus dem Zimmer meines Mannes. — Das war die Glocke, die den kommenden Sturm ankündigte, der unser ganzes bisheriges Leben zerstören und uns für immer zerstreuen sollte —.
Ich eilte in das Schlafzimmer und fand meinen Mann schon sehr verändert. Der Arzt kam, verordnete Medikamente und tröstete uns, so gut er es nur vermochte. Doch blieb er gemeinsam mit mir die ganze Nacht am Krankenbett. Mein Mann war unruhig, erwachte jeden Augenblick von seinem Schlummer, und jedesmal, wenn er mich noch am Bette wachen sah, bat er mich, zur Ruhe zu gehen: »Schone dich, erhalte du dich wenigstens gesund für die Kinder...«