Morgens fühlte sich der Kranke erheblich besser und verlangte aufzustehen. Er kleidete sich an, trank seinen Tee, ging in sein Arbeitszimmer, las in einem Buche und erteilte sogar einem Bankprokuristen Anordnungen.

Und wieder schlich sich die Hoffnung in mein verzweifeltes Herz — doch die verhängnisvolle Stunde näherte sich immer mehr und mehr. Mein Mann fing von neuem zu klagen an. Die Unruhe in ihm erreichte den Höhepunkt. Bald saß er, bald legte er sich wieder hin, um sich nach einem Augenblick wieder hastig zu erheben. Die Uhr schlug sechs. — Die entsetzlichste Stunde meines Lebens. Es war an einem Samstag, 18. April 1892. Ich war neben meinem Mann, der sich auf ein Sopha niedergesetzt hatte. Ängstlich schaute ich ihm ins Gesicht, und mit quälender Sorge beobachtete ich die winzigsten Veränderungen seiner Züge. Das regte ihn auf, und er ließ meine Fragen unbeantwortet. Ich goß ihm Tee auf die Untertasse, von dem er einen Schluck zu sich nahm.

So saßen wir noch etwa fünfzehn Minuten nebeneinander, als er plötzlich die Augen voll Schrecken weit aufriß, den Atem schwer durch Mund und Nase einzog und den Kopf in den Nacken warf. Die Kräfte versagten ihm. Er fiel zurück und blieb bewegungslos liegen.

Es wurde ganz still — einen Augenblick herrschte im Zimmer jene entsetzliche Ruhe, die entsteht, wenn Tausende Stimmen aus Verzweiflung und in grenzenlosem Schmerz verstummen.

Halb wahnsinnig warf ich mich schluchzend über meinen Mann. Ich hielt seinen Kopf in beiden Händen. Seine Augen waren schon geschlossen. Ich rief laut seinen Namen. Mein ganzes Herz, meine ganze Liebe, alle unsere lieben Erinnerungen legte ich in diesen Ruf. Ich glaubte, er müßte ihn noch einmal wecken. Noch einmal sollten seine Augen auf mir ruhen, bevor er sie für ewig schloß. Und er blickte auf. Aber es waren nicht mehr die Augen meines geliebten Mannes. Verschwommen, glanzlos, fremd war sein Blick, als ob er von weither käme, von dort vielleicht, woher man nicht mehr zurückkehrt.

Die nächsten Stunden war ich bewußtlos. Und dann — das Erwachen! Eine Leere tat sich vor mir auf, in der alle Trost- und Liebesworte der mich umgebenden Kinder und Freunde und Verwandten ohne das leiseste Echo in meinem Herzen verhallten.

Leer, leer, namenlos leer lag das Leben vor mir, das ich in jener Stunde so gerne verlassen hätte, um gemeinsam mit meinem Teueren, Geliebten den anderen Weg zu gehen. In dieser Stunde begriff ich so gut die indische Sitte, nach der die Frau des Toten zusammen mit ihm eingeäschert wird.

Zehn alte Juden (ein Minjan) »Batlonim« verrichteten dreimal täglich an der Leiche Gebete, und mein seliger Wolodia sagte »Kaddisch«.

Am Montag, um zwölf Uhr mittags, fand das Begräbnis statt.

Eine große Menschenmenge versammelte sich um unser Haus. Viele Knaben, die von den Gebethäusern abgesandt waren, sangen Psalmen an der Leiche. Man brachte Blumenkränze, die aber auf mein Verlangen im Hause zurückgelassen wurden.