Die Memoirenliteratur ist während der letzten Jahre in ihrer Bedeutung für die Geschichtswissenschaft voll erkannt worden. Von jüdischen Memoirenwerken, deren Zahl ohnedies gering ist, darf man nun allerdings nur eine geringe Ausbeute für die pragmatische Geschichte erwarten. Gab es doch nicht allzuviele Persönlichkeiten unter den Juden, die an den aktiven Tagesereignissen großen Anteil hatten, und auch unter diesen nicht viele, die Zeit und Muße zur Niederschrift ihrer Denkwürdigkeiten fanden. Um so größer ist aber dieser Gewinn, der aus dieser Literatur für das innere Leben und die Kulturgeschichte sich ergibt. In diesem Sinne und mit dieser Beschränkung ist auch das angezeigte Buch als wertvolle Quelle, aus der mancherlei Belehrung und Aufklärung über das Leben unserer Glaubensbrüder im Osten zu schöpfen ist, anzusprechen. Wo geschichtliche Vorgänge berichtet werden, so in der Darstellung der Aufklärungsperiode, ist der Wert dieser Aufzeichnungen mehr als problematisch; es berührt eigentümlich — um die einer Dame gegenüber gebotene Höflichkeit zu wahren — wenn Verfasserin wiederholt von dem »scholastischen Gespinst« und den »vielen talmudischen Spitzfindigkeiten« spricht und damit ihre Legitimation für die Beurteilung jener so verhängnisvollen Epoche zu erbringen vermeint. (Hierher gehört auch die Feststellung, daß »viele Traktate des Talmud mit den Worten omar abaja beginnen«!). Wo dagegen die Verfasserin sich auf das ihr liegende Gebiet der Detailmalerei und der Szenen aus dem Volks- und Familienleben beschränkt, liefert sie wahre Kabinettstücke dieser Kleinkunst, die niemand ohne Vergnügen und Nutzen lesen wird.

Israelitisches Familienblatt, Hamburg.

Diese Memoiren gehören zu den liebenswürdigsten Büchern, die seit langem auf den jüdischen Büchertisch gekommen sind. Das Großmütterliche wie das Jüdische darin verschmelzen sich zu einer warmen, trauten Herzlichkeit, die eine blendende, poetische Darstellung, die man von diesem Werke nicht erwarten darf, vollkommen ersetzt. Wir haben es aber auch mit einer kulturhistorischen Gabe allerersten Ranges zu tun. Sie hält in getreuester, liebevollster Hingabe und Erinnerung für die Nachwelt fest, was jetzt bereits im Aussterben begriffen ist, das echt jüdische Haus- und Gemeindeleben unserer russischen Brüder. Die Behauptung von einer Trockenheit und Verknöcherung des alten Judentums, von seelischer Finsternis und Sklaverei unter dem »Gesetz« schmilzt vor dieser Darstellung wie Schnee vor der Sonne. Wer dieses Buch liest, das in jedem Buchstaben den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt, muß sagen, daß unsere Großväter und Großmütter, die so lebten, ein solches rundes, jüdisches, von Festen wie von wunderbaren jüdischen Ereignissen durchzogenes Jahr, glücklich waren. Trotz allen äußeren Druckes, trotz ihrer Einfalt und Fremdheit von der modernen Kultur. Wir lernen aus diesem Buch vieles wieder lieben, was wir bereits belächelt haben. Besonders unseren Frauen kann es eine Offenbarung bedeuten.

Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen.


Fußnoten:

[ [1] »Die Welt« 1900.

[ [2] Von diesen beiden Brüdern wurde der eine ein Bibelforscher, der folgende Werke veröffentlichte: »Die Religion Altisraels nach den in der Bibel enthaltenen Grundzügen«, dargestellt von Israel Sack. (Leipzig und Berlin 1885. Verlag von Wilhelm Friedrich, Kgl. Hofbuchhdl.)

»Die altjüdische Religion im Übergang vom Bibeltum zum Talmudismus« von Israel Sack. (Berlin 1889. Verlagsbuchhandlung v. Ferd. Dümmler.)

»Monistische Gottes- und Weltanschauung. Versuch einer idealistischen Begründung des Monismus auf dem Boden der Wirklichkeit.« (Leipzig 1899. Verlag v. Wilhelm Engelmann.)