Die Menschen waren klein. Aber ihre Seelen waren voller Harmonie und Einheit. Sie verschmachteten nicht im Genusse. Wunsch und Kraft, Wille und Ziel, Leben und Lehre waren eines nur. Sie gaben den heiligen Frieden, der nicht einmal ahnen konnte, daß es auch eine Zerrissenheit gibt.

Dr. Th. Zlocisti.

Allgemeine Ztg. d. Judentums. Berlin.

Ein versonnenes »Es war einmal« klingt mit leiser Wehmut aus dem Buche der feinfühligen Verfasserin. Wie bei einem Rembrandtschen Gemälde blicken wir in das anziehende Helldunkel einer verflossenen jüdischen Kulturperiode, und das stechende Licht des Alltags schmerzt uns, wenn wir das Buch schließen. Denn was uns die Verfasserin aus der Vergangenheit des vorigen Jahrhunderts so anspruchslos zu erzählen weiß, ist mehr als das Leben einer vornehmen jüdischen Familie in der russischen Stadt; es ist überhaupt ein Mikrokosmos des guten Judentums alten Schlages, ein Kleingemälde voll intimen Reizes, das uns moderne Israeliten, die wir uns als »Kinder der Welt« so groß dünken, mit Schmerz empfinden läßt, wie klein wir geworden sind — weil wir keine eigene Kultur mehr haben. Man mag das Leben jener Juden, das nichts anderes war, als ein von Anfang bis Ende des Jahres wunderbar sich abrollender Gottesdienst, in gewissem Sinne beschränkt nennen, in der Beschränktheit zeigt es die Meisterschaft. Das Gemälde ist etwas Ausgefülltes und Ganzes, und wir nehmen einen wohltuenden Volleindruck mit. Wir mögen es wohl im Sinne des Fortschritts begrüßen, daß endlich in den patriarchalischen Dämmer das volle Licht der europäischen Kultur hereinbrach — aber wir klagen auch mit der Verfasserin über die fürchterlichen Zerstörungen, die die zersetzenden Strahlen anrichteten. Wieviel jüdische Lebenskunst, Poesie und Ethik ist zu Grabe getragen worden! — Möge das Buch der Großmutter, dem Dr. G. Karpeles ein freundliches Geleitwort mitgegeben hat, nicht nur gelobt, sondern auch gelesen werden! Es ist nicht nur für liebe »Enkelkinder« bestimmt, die spielend, besser vielleicht als es in den Religionsschulen geschehen kann, in den Reiz und die Weihe des altjüdischen Lebens eingeführt werden, es gibt auch den Erwachsenen einen interessanten Beitrag zur »Umwertung der Werte« bei unseren Brüdern im Nachbarreich. Und endlich wird es jeden ernsten Juden gedankenvoll stimmen. Denn wenn wir auch mit Koheleth sagen müssen: »Sprich nicht, wie kommt es, daß die vergangenen Zeiten besser waren, nicht aus Weisheit fragst du,« so erweckt es doch das heiße Verlangen nach der inneren Einheitlichkeit und Geschlossenheit, wie sie die Väter kannten, die Sehnsucht nach neuen jüdischen Kulturwerten.

E. L.

Jüdische Zeitung. Wien.

Wenn man das Buch aufschlägt, so findet man auf der ersten Seite das Bild der Verfasserin: Ein altes, freundliches Gesicht mit klugen, milden Augen, die schon von vornherein für alles einnehmen, das die Verfasserin sagen wird. In freundlichen Worten wird nun ein Bild aus dem jüdischen Leben eines wohlhabenden Bürgerhauses in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts geschildert. Alles ist so unbeweglich still und atmet Traulichkeit, innere Abgeklärtheit, starken Familiensinn und echtes Menschentum. Es ist alles so licht und lieb, daß man den Gedanken nicht bannen kann, daß die Verfasserin unbewußt schöner dargestellt hat, als es wirklich gewesen ist, daß sie ihre Kindheitstage, die jetzt vor uns vorbeiziehen, mit dem Glorienschein der Poesie umgeben hat. Eines aber erfahren wir unzweideutig daraus: Daß das jüdische Familienleben jener alten guten Zeit innig und traulich war, daß die Häuser der Juden in jener Zeit Kulturstätten waren im besten Sinne des Wortes. Die Schilderung des Übergangsstadiums zum Haskalah erscheint uns minder gelungen, wie überhaupt der ganze Aufbau des Buches eine mangelhafte Technik verrät. Doch wir wollen mit der Verfasserin darüber nicht rechten, denn der herzliche Ton des Buches, der wie Märchenzauber unsere Herzen gefangen nimmt, entschädigt uns überreichlich. Wir wünschen dem Buch die weiteste Verbreitung unter Alten und Jungen. Besonders ist das Buch jungen Mädchen zu empfehlen, denn die jüdische Innigkeit und der jüdische Familiensinn sind leider im Schwinden begriffen, und da kann dies Büchlein dazu beitragen, daß die zukünftigen Mütter unseres Volkes weniger modern, dafür aber natürlicher und jüdischer werden.

Israelitische Monatsschrift, Breslau.