»Warum biste so früh do?«, forschte die Mutter.

»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann, in der Hoffnung, sich so aus der Affäre zu ziehen... Die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger ein Buch neben dem Kästchen. Sie tritt näher. Der Naturforscher ergreift die Flucht. Meine Mutter blickte in das Kästchen und entdeckte zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen, eine Ameise, einen Holzwurm... Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können, auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?«

Zu dem »Gewürm«, das den inneren Menschen zernagte, kam ein anderes Unheil. Ein Ukas der Regierung verbot die jüdische Tracht: der äußere Mensch mußte reformiert werden. Sogar die Pejes, »die dem Juden erst die Gottähnlichkeit geben«, sollten schwinden. Es gab erbitterte Kämpfe mit den ausführenden Polizeiorganen. Aber schwerer waren die Kämpfe in der Seele der Juden. Der Mantel fiel und der Herzog mußte ihm folgen. Die neue Tracht führte die Juden nicht in eine neue Welt hinein. Sie führte sie nur aus ihrer alten Welt heraus. Das empfanden alle tiefer blickende Männer, das machte sie traurig und ihre Ohnmacht so unsäglich qualvoll. Als die Gräber des alten Brester Friedhofs geöffnet wurden und die Leichen ihre Friedensstätte verlassen mußten, weil die Stadt zu einer Festung umgebaut wurde, war ein Wehklagen in der Gemeinde — doch die Toten fanden einen Ruheplatz. Aber die Seelen, die aus ihrer stillen Welt hinausgezerrt wurden, die Seele der Jugend wurde heimatlos und mußte wandern in eine ungewisse Welt. Die Besten wurden schwankend. Die Schwachen wurden haltlos. Sie wechselten die äußere Tracht und wurden äußerlich.

»Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten Sanfte Reden, Embrassieren — Ach! Wenn sie nur Herzen hätten.«

Es sind nur die ersten Anfänge jener neuen Zeit, von denen unsere Großmutter spricht. Mit verhaltenen Worten. Ihre ganze Innigkeit hat sie über das alte Ghettoleben gebreitet, von dem sie uns freilich nur einen Bruchteil gibt. Wir lernen nur ein Haus mit allen seinen Freuden, Erregungen und seinem Kummer kennen. Es ist ein reiches und vornehmes Haus, in das wir als Gäste eintreten. Und doch ist es nur ein Paradogma für das Treiben im Ghetto. Denn das Leben im Patrizierhaus ist seinem Wesen und seiner Form nach nicht herausgehoben aus der Ghettoartung.

Hütte und Herrensitz unterscheiden sich nur in den groben Äußerlichkeiten der Lebensformen. Charakter und Inhalt der Vorstellungsinhalte, die Skala der Gefühle und die zarten Bedürfnisse der Seele: — vielleicht, daß sich darin eine individuelle Differenzierung spiegeln könnte. Aber niemals die soziale! Dem Reichen wird nur die Gnade, daß er die Fülle der Pflichten leichter und unermüdlicher tragen konnte. Und sein Dank für diese Gnade war, daß er die Pflichten peinlicher beobachtete und ihre Kreise weiterzog!

Im Hause des Reichen zerbröckelte nicht das Judentum. Sitte und Überzeugung, Tat und Gebet, Alter und Jugend standen in Schönheit und unbefleckt durch die grobe Not nebeneinander, das Haus zu einer Stätte Gottes zu machen...

Großmutter erzählt... Und eine Welt der Schönheit, des Friedens und verjüngender Heiterkeit steht vor uns auf. Und uns überflutet eine Sehnsucht nach dem versunkenen Lande der Ganzen.

Nach all den Enttäuschungen, die die Zivilisation bringt und die sie — je empfindsamer und zarter wir werden — uns immer herber wird fühlen lassen, blicken wir in jene stille, abgestorbene Welt zurück und in einsamen Stunden regt sich leise in uns ein Fragen, ob dort nicht die blaue Blume der Romantik ihre Düfte um die Menschen hauchte.

Es war eine enge Welt. Aber sie war hoch und reichte bis an den siebenten Himmel...