Aber unser Warten ist voll Pein und Ungeduld, quälerisch. Unsere Hoffnung ist wirr und wildtreibend, zermürbend in der Angst des Verschmachtens auf halbem Wege: Wann kommt uns die Stunde der Feier? Vielleicht kommt sie uns niemals.
Großmutter lächelt: Ihr Armen. Zunächst freut man sich die ganze Woche auf den Sabbat. Man braucht sich nicht zu sorgen: Kommt er? Kommt er nicht?! Er kommt! Kommt der Sabbat, kommt die Ruhe. Und wer den Sabbat so recht feiert, weiß gar nicht, daß es einen Alltag gibt. Wir heiligen den Sabbat, glauben wir. Aber der Sabbat heiligt uns. Er weiht unser Leben und Treiben; und Essen und Trinken wird Gottesdienst. Und so fällt schon auf den Freitag — den Torwart der Ruhestunden — der milde Abglanz des Sabbats. Die Arbeit am Freitag macht die Hand nicht müde. Die Erdenlast ist von ihr genommen. Und gute Engel helfen beim Werke. Darum schmecken die Fische am Freitag abend so köstlich. Sie haben den Geschmack von — »jener Welt« selbst wenn Vater sich nicht so besorgt in der Küche umsähe und die Sauce kostete. Beten, Ruhe und Essen — dieser Dreiklang schlingt sich zur Harmonie des Sabbats zusammen. Und wenn der Tag zur Neige gegangen, begleitet wieder ein Mahl die »Königin Sabbat« in ihre Heimat.
Es singt in allen Festen die gleiche Melodie — nur die Tonart wechselt und der Rhythmus. Am Chanuka läßt uns Großmutter die Reise durch das ganze Jahr beginnen. Mit den Latkes — den Honigflinsen — fängt sie an. Mit dem Pflichträuschchen am Simchas-thora hört sie auf. Zwischen Lust und Trauer pendelt das Leben hin. Wenn die Trauer die Seele gar zu fest zu umschnüren droht, löst ein Festtag die Schlingen. Und ein Trauertag dämmt die über die Borde schlagende Fröhlichkeit ein. Nicht kalendarisch-äußerlich gehalten, sondern in ihrem spezifischen Charakter hingenommen, nach ihrem Stimmungsgehalt gelebt, nach ihren gedanklichen Inhalten begriffen — wirken die jüdischen Feste wie ein Regulator menschlichen Treibens. Sie lösen die Verworrenheit unseres Seins in geruhige Harmonien auf und gleichen das stürmische Auf und Nieder aus zum Wellenschlag eines friedlich hingleitenden Lebens. Und wundersam haben sich Sitte und Brauch dem Sinn der Feste angeschmiegt.
Großmutter Wengeroff hat in ihren Memoiren, — »dem Ben-Sekunim«, dem Kind des Greisenalters — mit unendlicher Liebe den Kranz der vielen Bräuche zusammengewunden, die die Feste schmücken und — ihr Werk. Wenn einmal die alte Formensprache unserer Volkssitten verstummt sein sollte, wird der Ethnologe und Kulturhistoriker nach diesen Blättern das Leben der Juden in alten Tagen wieder aufbauen können. Der häusliche Herd — der in der Küche steht — ist der Mittelpunkt der Familie. Was dort brodelt und kocht, dient nicht gedankenloser Genußsucht und Völlerei. Die Hausfrau beginnt ihre Arbeit nicht, eh daß sie ein Gebet gesprochen und ein Opfer dargebracht hat. Die Speisen sind den Festen angepaßt und alle Zutaten sind zugleich — Symbole! Speise und Trank, die den Körper kräftigen sollen, damit die Seele ungehemmt von irdischer Schwere ihren Flug in die Höhe nehmen kann, sind selbst nur — beseelte Materie. Sie sind geweiht. Und wenn die Hausfrau nicht fast erdrückt wurde von der Fülle der Sorgen, der Pflichten, der religiösen Gebote und der Subtilitäten, die der Brauch zum Zwange gesetzlicher Vorschriften erhoben hat, so konnte nur der Gedanke, mit all der peinlichen Arbeit höheren Zwecken, ja dem höchsten Zwecke zu dienen, die Last heiligen und adeln — und aus der Sphäre des ermattend Körperlichen hinaus — und emporrücken.
In dieser in Gott und Judentum zentrierten Welt kann schlaffe Bequemlichkeit nicht hemmend in den Weg der Pflichten treten. Je getreulicher die Gebote erfüllt werden, um so leichter wird das Leben getragen. Je enger der Zaun der Gesetze, um so lichter und freier schwingt sich die Seele zu Gottes Thron. Und gemeinsam wie der Flug in die Höhe, rollt sich auch das bürgerliche Leben ab. Der einzelne versinkt nicht in der Gemeinschaft bis zur Unkenntlichkeit. Sein individueller Wert wird gesteigert, sein individueller Charakter ausgearbeitet durch die Gemeinschaft. In das Schicksal des einzelnen, welche Phasen vom Glück zum Leid es auch durchlaufe, sind doch Schicksalfäden der anderen verwoben. Die Lebensbedingungen jedes einzelnen Juden sind die der anderen Juden. Jeder braucht den anderen, zum gemeinsamen Gebet in der Chewra, in der Trauerzeit, beim Mahle, in den Scherzen des Purim, in der Lust des Freudenfestes. Und dieses Aufeinanderangewiesensein in den Bedürfnissen eines höheren Lebens verinnerlicht die Bande angeerbten Volkstums und gemeinsamer äußerer Geschicke und schafft auf einem weitab vom materialistischen Sozialismus führenden Wege einen sozialen Bund von ganz spezifischer Prägung.
Eine idyllische Ruhe und der Frieden einer in ihren Sehnsüchten, ihrem Gottvertrauen geeinten Menschengruppe ruhten über jener Generation. Und lösten wir selbst den Glorienschein auf, den die alte Großmutter um ihre Jugendjahre legt, und wollten wir in Einzelzügen ergänzen, was die versöhnende und nivellierende Vergeßlichkeit des Alters verwischte, die Grundlinien einer lieblichen Idylle verlören ihre Schärfe nicht. Die Spiele der Kinder und das Sinnen der Alten erfüllen nur eine enge Welt; aber sie ist voller duftiger Träume, voll tiefer Beziehungen und in jeder Spanne persönlich erobert und ganz zu persönlichem Besitze geworden. Der Tag ist unendlich lang, so lang, daß das gewöhnliche Ausmaß der Stunden seine Geltung verloren zu haben scheint. Aber Gefühl und Begriff der Langeweile sind keinem bekannt. Es gibt keine toten Stunden, weil jede Stunde ihr eigenes Leben hat. In grauer Frühe, da die Nacht kaum an den kommenden Tag denkt, denken die Juden schon an ihr Tagewerk. Wer weiß, wie der Beruf die Stunden knebeln wird — darum schnell noch zum Talmudfoliant greifen, der von gestern noch aufgeschlagen ungeduldig schon des »Lerners« harrt; darum schnell noch in das Beth-Hamidrasch eilen, um in der Chewra Thillim im Zweisang die lieben Psalmen zu sagen.
Das Leben ist so kurz — und des Betens und Lernens ist so viel. Diesen Gedanken heißt es den Kindern zu überliefern. Sie können nicht früh genug in den Cheder. In seiner Enge und seinem ewigen Dämmer wächst eine heilige Weit. Und der erste Chederbesuch wird so der wahre Geburtstag — der Menschenseele. Der Ärmste gibt sein letztes Gut hin, um sein Kind nicht geistig verhungern zu lassen. Und es ist ein Brauch, der die ganze Judenseele bloßlegt, ein Brauch von ergreifender Tiefe und unsagbarer Innigkeit, daß der Vater den jungen Chederbuben in einen Gebetmantel gehüllt zum Melammed trägt... Er zeigt ihm die strahlende Pracht der Himmel und lehrt sie, sich den Weg zu Gott zu schlagen und mit den Quadern der heiligen Buchstaben zu ebnen. Sonnig ist das Ziel. Aber die Arbeit ist hart. Selbst die Spiele in den freien Zeiten sind noch durchwebt mit den Seidenfäden der Lehre, die das Halbdunkel des Cheders gesponnen. Schon frühe lernt das Kind sich bescheiden. Denn das Ghetto ist eine bescheidene Welt. In gedämpften Tönen klingt aller Sturm der Seelen aus. Das ganze Sein ist voller Geheimnis. Und die Bangheit und Scheu, die das Kind empfand, als es einmal in dem leeren Gotteshause vor der heiligen Lade stand, trägt es allezeit mit sich und sie geben ihm die stille Ergebenheit, wenn es einst vor den heiligen Fragen des Lebens stehen wird... In diese festgefügte Welt mit ihrer eigenen Bildung, mit ihrem schillernden Reichtum der Phantastik, mit ihrer geschlossenen Lebensanschauung, in diese Welt der Träume und mystischverdämmerter Ahnungen, in diese Welt der klaren Tage, der besonnenen Arbeit — tritt nun polternd mit groben Füßen die neue Zeit! Kann aus den zerstampften Schollen gleich herrliche Saat erblühen? Die Menschen sind zu gefestet, als daß die neue Zeit sie ganz zu zerbröckeln vermöchte. Noch lachen sie und spotten ihrer, und reißen der Zeit ihre neuen Gaben aus der Hand. Chausseen werden gebaut. »Solange sich Menschen erinnern, waren zwei Tage nötig, um den Weg von Brest nach Bobruisk zurückzulegen, nun kommt Reb Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkürzen.« Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine Tasche stecken? Und Reb Zimel Epstein hat Recht. Indessen was verschlägt's? Kann man mit Lampen, die heller und ruhiger brennen als Kienfackeln, den Sabbatabend nicht lichtiger und geruhiger machen?... Und kann man bei neuen Wegen nicht ein alter Jude bleiben?... Und doch: auf neuen Wegen kommt die neue Zeit! Die Welt wird größer. Die Enge löst sich. Die plumpen Wägelchen verschwinden. Es kommen die Karossen und bald, bald wird das Dampfroß die Wälder durchjagen. Jeder Tag bringt neue Wünsche; und wie die Mauern des Ghetto zu wanken beginnen, so kommen die Kinder des Ghetto ins Wanken. Die stille Harmonie wird zerstört. Sie scheinen wie Trunkene und wir lächeln ihres torkelnden Ganges. Auf den Hintertreppen schleicht die Aufklärung in die Häuser. Sie verdüstert mehr als sie erleuchtet — denn es ist eine Aufklärung, der — russischen Regierung! Über dem Talmudexemplar liegt Schillers Don Carlos und Posa sagt seine Leitartikel auf im »Gemara-Nigen«. Die Jugend will dadurch die Eltern täuschen. Aber sie täuscht sich selbst: Schiller wäre ihnen unverständlich, wenn er nicht »gelernt« würde... Die Eltern fürchten die neue Zeit und sie beschwören den Missionar der russischen Regierungsaufklärung, Lilienthal, bei »der Sepher Thora« zu erklären, ob er die Juden zur Taufe führen will. Sie fürchten. Aber ihre Furcht ist mehr ein Ahnen furchtbarer Entwicklungen. Was sie um sich sehen, macht sie mehr stutzig, als erschrocken. Hier eine Szene, die die schwangere Zeit köstlich zeichnet: Dem Schwager unserer Großmutter hatte es die Naturwissenschaft angetan. Bei grauendem Morgen war er halb entblößt in den Garten gegangen. »Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie beseitigt die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager — nicht ohne Ekel! — in ein kleines Kästchen mit einem Glasdeckel warf.« Die Mutter hatte ihn bemerkt und rief halb verwundert, halb belustigt: »Wos tust du do?«
»Gur nischt«, gab er lakonisch zur Antwort.
»Wos is do im Kästchen auf der Erd'?« fragte die Mutter weiter.
»Gur nischt«, meinte der erregte Naturforscher.