Großmutter erzählt: Ein süßes Behagen läßt jedes Wort aufquellen; selige Erinnerungen steigen lächelnd auf; und eine milde Trauer flutet weich um die versunkene Vergangenheit und dämpft die Worte zu stiller Ergebung.

Großmutter erzählt: Und Seufzer schleichen durch das Dunkel. Und die Kinder lauschen und lauschen. Es ist wie ein Märchen...

Es fehlt den Juden nicht der Sinn für einstiges Geschehen. Der Zwang der Tage, das Joch des Heute hielt nur immer die Seelen gefesselt. Die Großmütter, die in den engen Stübchen ihre Gebete flüstern, hüteten — frei von der Frohnde des Daseinskampfes — den Schatz der Erinnerungen. Und hätten sie alle nur die Erzählungen aufgeschrieben, denen im Dämmer sabbatlicher Nachmittage ihre Enkel gelauscht, die Geschichte unseres Volkes läge vor uns, festgefügt und durchglüht von einem Stimmungszauber, den niemals ein Historiker wird ahnen lassen können.

Das Wort war behende. Doch die Hand war schwach und welk... Und so trug der Tod zugleich mit den Hütern der Vergangenheit die Vergangenheit ins Grab. Nicht was einst war und was einst geschah, bildet den intimen Reiz der Geschichte. Das mag die Sorge des hockenden Chronisten sein, der wie ein geiziger Wucherer die Einzelstücke aneinanderreiht und aufeinander schichtet. In den Geschehnissen und Menschenschicksalen suchen wir das Einzelschicksal. Wir kennen wohl die Wirkungen großer Ereignisse als kompakte Größen; und der Philosoph wird aus diesen Werten den Weg der Geschichte, die Richtung der Entwicklung, aus der Verworrenheit der wirksamen Faktoren die Gesetzmäßigkeit, aus allen Brutalitäten ringender Mächte den Sinn, den Geist der Geschichte ableiten. Aber verhüllt sind uns die einzelnen kleinen Komponenten der geschichtsschreibenden Kräfte: wie der einzelne Mensch die Geschichte beeinflußt und wie er von der Geschichtsentwicklung beeinflußt wird. Denn ein Nehmender und Gebender, zugleich Schöpfer und Geschöpf, Baumeister und Baustein, Subjekt und Objekt der Geschichte ist das Individuum. In diese wundersame Gewalt des Werdens, des Wandelns, der ewigen Umformung läßt uns die mikroskopische Geschichtsforschung blicken. Diese »Andacht zum Kleinen« — wie Grimm sie genannt — schafft und verinnerlicht die Weihe für den wuchtigen Schritt Gottes in der Geschichte. Die Sonne spiegelt sich in den kleinsten Tautropfen und gigantischen Epochen der Vergangenheit in der Seele des niedrigsten Zeitgenossen. Aus diesen Erkenntnissen ist allmählich der Sinn für die Familienforschung erstanden, das Interesse für den Briefwechsel zwischen Menschen früherer Geschlechter, die Lust an Memoirenwerken ... »Großmutter erzählt...«

Das neuere jüdische Schrifttum ist arm an solchen nachdenklichen Erinnerungen und es kann wohl nicht anders sein. Familienforschung! Wie kann Familienforschung den Spürsinn regen, wo in unserer Gemeinschaft ängstliche Scheu die Kette der Geschlechter zerbrechen möchte? Ein jeder möchte ein Autochthone sein — gewachsen aus der Erde, geworden durch eigene Kraft. Wir haben noch nicht den Mut, von der geduldigen Märtyrerkraft unserer Ahnen zu sprechen, noch nicht den Sinn, die stille Schönheit ihres engen Seins zu rühmen. Wer möchte das Leben seines Urahns erforschen, der mit dem Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf keuchte, mit alten Kleidern handelte — und doch ein ganzer Mensch war: unbarmherzig gegen sich, weil das Wissen um Gottes Barmherzigkeit in ihm war... Wir haben noch nicht die Kraft der festwurzelnden Persönlichkeit, den billigen Witz zu verachten, den der Tor über das armselige, erzwungene äußere Leben unserer Ahnen machen könnte. Wir wagen noch nicht laut zu sagen, daß sie nur Knechte schienen und freie Menschen waren, die in Not und Wanderelend danach rangen, würdig zu werden der Gnade, im Ebenbilde Gottes erschaffen zu sein. Wir haben uns noch nicht emanzipiert von dem Hochmut der eben erst bürgerlich Emanzipierten, über Sitte und Brauch unserer Ahnen, über ihre Vorstellungen und Gedanken zu lächeln. Wir haben die Phrase noch nicht überwunden — die Phrase, die unsere ganze Armut bloslegt: Moderne Menschen. Mit dieser Phrase wollen wir das eiserne Band zerhauen, das uns an die Ahnen schmiedet. Bilden wir uns ein — und ist doch ein Strohhalm in der Hand eines Kindes.

»Großmutter erzählt.« Von ihrer Welt! Wie weit wären wir, könnten wir erst ohne ängstlich umherblickende Voreingenommenheit mit Großmutter durch ihre Zeiten wandern. Sie faßt uns gütig an der Hand und führt uns: ein kleines Städtchen, ein niedriges Häuschen, sogar mit einer richtigen Vortreppe — also ein Herrensitz! — ein paar winklige Gassen, ein dunkles Cheder — und da lebt man!

Man lebt da!...

»Ein Jahr im Elternhause.« Wir wandern von Fest zu Fest. Und der graue Alltag wird licht, weil er eine Vorstufe der Feste ist.

Was ist eigentlich das Ziel unseres Lebens? Der Festtag.

Unser ganzes Leben ist nur ein Warten auf den kommenden Tag der Feier.