Es ist ein Buch, das uns in breiter, behaglicher Form das Leben der Juden in der Stadt Brest in Litauen vorführt. Die Verfasserin blickt bereits auf siebzig Jahre zurück, und sie hat sogar die Eindrücke aus ihrer frühesten Kindheit mit bewundernswerter Genauigkeit im Gedächtnis behalten. Der vorliegende Band schildert die Zeit, wo die Juden noch ungestört nach ihren alten Sitten und Gebräuchen und in ihrer eigenen Tracht in Rußland leben konnten, sowie den Anfang des von der Regierung eingeleiteten Reformwerkes. Eine Menge charakteristischer Einzelzüge aus dem Leben dieses Volkes finden wir hier mit gewissenhafter Sorgfalt verzeichnet. Es sind ganz eigenartige kleine Kulturbilder, die auch für den Forscher von Wert sein werden und in denen nebenbei auch die Kenner des jüdischen Jargons eine reiche Ausbeute finden werden. Besonders muten uns die Schilderungen des behaglichen, engumgrenzten Familienlebens dieser Juden alten Schlages an, dies feste Zusammenhalten der einzelnen Familienglieder, der Eltern und der Kinder, selbst wenn diese schon selbst verheiratet waren. Jeder, der den ersten Teil dieser interessanten und auch in der Form gut abgerundeten Memoiren gelesen hat, wird der Fortsetzung mit Spannung entgegensehen.
Breslauer Zeitung.
Selten haben in kurzer Zeit so mächtige Wandlungen in einer Bevölkerungsschicht stattgefunden als unter den russischen Juden Litauens, jahrhundertelang wie bewegungslos, einem Bilde gleich verharrend, hat ganz plötzlich eine gewaltige Umgestaltung dort Platz gegriffen und gewitterartig Veränderungen geschaffen. Das Interesse für dieses Eckchen Unkultur und Kultur ist ein allgemeines geworden, und insbesondere die Verfolgungen, denen die russischen Juden ausgesetzt waren, ließen die Augen der ganzen Welt sich nach jenen Gegenden richten. Da interessiert es denn besonders, wenn ein Buch uns mit Schilderungen bekannt macht, die noch von keinem Hauche der Neuzeit berührt wurden, und doch finden wir dort eine Fülle von interessanten Tatsachen, von Phantasie, dichterischer Begabung, eigenartiger Bildung und sonderlicher Zustände. Man wird deshalb mit großem Interesse das Buch »Memoiren einer Großmutter« lesen und es gleich einem interessanten alten Bilde auf sich wirken lassen.
Ost und West, Berlin.
Ein Buch der Erinnerungen. Wir haben diese stillen Dämmerstunden der sabbatlichen Nachmittage alle selbst erlebt. Und glühend haben unsere Kinderaugen zur Großmutter geblickt und Großmutters Träume zogen wie wundersame Helden-Scharen in unsere Seelen ein.
Nicht als Erlebnis: — als Traumgebilde voll blasser, milder Farben, voll schwermütigen Dämmerglanzes knüpft sich das Einst an das Heute. Und so erscheint uns das Einst immer so reich an Frieden, selbst wenn es noch so stürmisch war und die blaue Blume der Romantik blüht auf der Stätte, die eines Ahnen Fuß beschritt...
Eine Großmutter erzählt von altem Leben und eine Welt der Stille, idyllischer Enge und einer die Seelen befreienden Gebundenheit steigt vor uns auf. Aber sie würde wieder versinken. Die Enkel wachsen heran und von Großmutters Erzählungen bleibt nur süße körperlose Erinnerung. Das Wort verfliegt. Die Melodie nur bleibt. Akkorde, —
Ein sabbatlicher Spätnachmittag... Heimlich und verstohlen gleiten scheue Sonnenstrahlen durch das dichte Netzwerk der Gardinen und zeichnen matthelle, seltsam verästelte, verschlungene Linien auf den dunklen Eßtisch.
In einem Winkel sitzt Großmutter in ihrem Lehnstuhl, und die Enkel drängen sich an sie, und die Dämmerung hüllt sie mit dunkeldichtem Schleier ein...
Großmutter erzählt von fernen Tagen; von Menschen, die ferne sind, weit, weit, wo Gottes stille Himmel liegen; von einem Leben, das längst erstorben.