»La Russie se recueille«, »Rußland sammelt sich«, hat bekanntlich Gortschakow nach dem Krimkriege gesagt. Dasselbe kann man vom Judentum sagen, seitdem es von allen Seiten aus der Oeffentlichkeit verdrängt ist. Zwar finden die reichen Juden noch immer Eingang in aristokratischen Kreisen, wenn man ihr Geld braucht, und man läßt sich sogar auf eine Mesallianz mit ihnen ein, wenn es gilt, ein verblaßtes Adelswappen frisch zu vergolden. Auch lassen sich »freisinnige« Deutsche die Stimmen der Juden bei den Wahlen gefallen. Aber es heißt doch auf der ganzen Linie: »Grüß mich nicht unter den Linden!« Der Rückschlag dieser Verdrängung äußert sich bei den Juden in ihrer Besinnung auf sich selbst, in verstärkter Pflege ihrer Memoirenliteratur und vermehrter Schilderung der Vergangenheit des Judentums, besonders seines Innenlebens. Eine solche Schilderung liegt in den »Memoiren einer Großmutter« vor. Es ist ein liebenswürdiges Buch, das die Häuslichkeit und Lebensführung eines wohlhabenden russischen Juden in Brest aus dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in anspruchsloser Weise beschreibt. Über dem Hauswesen lagert der Hauch patriarchalischer Frömmigkeit und angestammter Sitte. Von Sabbat zu Sabbat, von Festtag zu Festtag übersteigen die Hausgenossen wie auf Brücken die Mühseligkeiten und Beschwerden der Arbeitstage und erhalten sich in gehobener Stimmung, die in der Innigkeit des Ehe- und Familienlebens, in strenger Kinderzucht, in der Gastlichkeit und Wohltätigkeit zum Ausdruck kommt. Es entfaltet sich hier ein Reichtum an geistigen Anregungen und sittlichen Befriedigungen, der wohl imstande war, für manche bittere Erfahrung zu entschädigen. Auch an Seelenkämpfen fehlt es nicht, die durch den Eintritt deutscher Bildungsversuche und die veränderte Kleidertracht herbeigeführt wurden. Die fesselnde Schilderung macht das Buch zu einer ebenso anregenden wie belehrenden Lektüre.
Wien.
Oberrabbiner Dr. M. Güdemann.
Pester Lloyd.
»Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der stillen Dämmerung ihres einsamen Lebensabends schlicht erzählt, was sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.« Wahrlich, jeder Versuch einer sachlichen Kritik und Würdigung dieses Buches wäre eine Blasphemie. Solange wir unter dem Banne der Lektüre stehen, kommt uns die Erwägung gar nicht in den Sinn, ob diese Blätter vom rein künstlerischen Standpunkt aus überhaupt eine literarische Existenzberechtigung haben, und selbst wenn wir das Buch schon lange aus der Hand gelegt, empfinden wir nur das Gefühl verehrungsvoller Dankbarkeit für diese feinsinnige Großmutter, die uns so großmütig aus dem reichen Schatz ihrer abgeklärten Lebenserfahrungen teilnehmen läßt. Mit liebevollen, behutsamen Frauenhänden entrollt Pauline Wengeroff heitere und ernste, aber immer gleich farbenprächtige Genrebildchen aus dem jüdischen Familienleben; Bilder, von denen jedes einzelne durch seinen eigenartigen strengen Reiz unser Herz gefangen nimmt, die aber dann in ihrer Gesamtheit sich zu einem imposanten Kulturgemälde runden. Was die temperamentvolle Greisin da von Emanzipation der lithauischen Juden erzählt, mutet uns wirklich an wie ein Märchen aus Großmütterchens liebem Plaudermunde; aber ein ganz modernes Märchen, vom schicksalsschwangeren Feuergeiste unserer Zeit durchweht. Mit zauberhafter Geschwindigkeit verdrängt die Morgenröte einer neuen Epoche die Nebel des Ghetto. Manch liebliches Bild, das nur im Dämmer gedeihen konnte, muß der unbarmherzigen Helle weichen. Aber wie zahlreich auch die Opfer der Übergangszeit gewesen sein mögen, der Platz an der Sonne war den Juden damit nicht zu teuer erkauft. Schmerzlich süß muß es für diese Großmutter sein, in diesen freud- und leidvollen Erinnerungen zu wühlen. Wahrhaft heroisch ist es jedenfalls, diese zarten Herzensblüten vor der großen, blasierten Menge auszubreiten. Aber wenn auch nur wenige sich finden sollten, denen aus diesen vergilbten Blättern erquickender Duft bis ins tiefste Gemüt dringt, so werden diese wenigen um so gespannter der weiteren Plaudereien der Großmutter harren.
Tägliches Unterhaltungsblatt der Posener Neuesten Nachrichten.
Den bisher ganz vereinzelten Memoirenwerken der jüdischen Literatur reiht sich hier ein Werk an, das uns einen tiefen, charakteristischen Einblick in die große Übergangszeit der Aufklärungsperiode unter den Juden Lithauens gestattet. Pauline Wengeroff ist eine der ersten, die uns diesen Kulturschatz aufzeigt, und sie tut es mit so inniger Liebe und Pietät, mit so seltener Treue und Wahrhaftigkeit, mit mildem Humor und feinem psychologischen Takt, daß man mit größtem Interesse ihren liebenswürdigen Schilderungen folgt. Wenn mau diesen ersten Band gelesen hat, wird man mit um so lebhafterer Erwartung dem zweiten entgegensehen.
Unterhaltungsblatt des Fränkischen Kurier.
Die jüdische Literatur besitzt nur sehr wenige Memoirenwerke. Aus dem jüdischen Leben in Rußland dürfte nur ein einziges, die »Zapiski Jewreja« von Gregor Isaakowitsch Bogrow, bekannt sein. Diesem Werke, das einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben der Juden in Rußland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnet hat, schließen sich die Memoiren von Pauline Wengeroff ebenbürtig an. Mit inniger Liebe und großer Pietät, mit seltener Treue und aufrichtiger Wahrhaftigkeit, mit einem milden, verklärenden Humor und feinem psychologischen Takt erzählt sie wichtige Episoden aus einer großen Übergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden in Rußland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum lagerten, zu durchbrechen begann.
Essener Volkszeitung.