Preis broschiert M. 3.—. Leinwandband M. 4.—
Urteile der Presse:
Berliner Tageblatt.
Wenn man das Memoirenwerk eines russischen Autors zur Hand nimmt, das russische Verhältnisse behandelt, ist man von vornherein darauf gestimmt, eine Jobiade zu lesen, in der alles zu finden ist, nur keine Freude und kein Sonnenstrahl. Diese Vorerwartung steigert sich noch, wenn es sich um russisch-jüdische Verhältnisse handelt, die ein jüdischer Verfasser schildert. Aber diesmal sind wir auf wunderbarste und angenehmste Weise enttäuscht. Das Werk der Pauline Wengeroff ist so sonnig und innig, daß es kein Leser unbefriedigt aus der Hand legen wird. Insbesondere wird der jüdische Leser seine reiche Freude finden an der warmherzigen Pietät, die das ganze Buch adelt. Die Schilderungen der jüdischen Feiertage nehmen den breitesten Raum ein; aber sie sind so künstlerisch dargestellt und dabei von soviel Gemütswärme unterströmt, daß man mit tiefer Ergriffenheit der alten Erzählerin lauscht, als sei sie unser aller Großmütterchen, das uns in stimmungsvoller Dunkelheit wunderbare Märchen erzählt; Märchen, die wir selber einmal geschaut und erlebt haben, da wir jung waren... Das Herz feiert Reminiszenzen bei dieser Lektüre, und die Seele klagt um all das, was wir Modernen verloren haben im Kampf ums bittere Leben — alles, was tief und innig war, und was das Leben einst zu einem ernsten Feiertag machte. Welch ein naives, gemütreiches Buch, das keine andere Prätension hat als die, uns den Spiegel der eigenen Vergangenheit vorzuhalten. Und doch gibt dieses Memoirenwerk zugleich ein Kulturbild von unvergleichlicher Treue.
Vossische Zeitung, Berlin.
Ein merkwürdiges und, was noch mehr bedeutet, ein wertvolles Buch sind diese von einer Greisin geschriebenen Memoiren, die durch die Gewissenhaftigkeit und Ausführlichkeit, mit denen die von einem staunenswerten Gedächtnis unterstützte Verfasserin zu Werke geht, einen sehr schätzenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte der russischen Juden während der Mitte des vorigen Jahrhunderts liefern. Der Leser wird in das Familienleben, wie es sich in jener Zeit in einem reichen jüdischen Haus abspielte, eingeführt und gewinnt durch die keine Einzelheit vergessende Darstellung einen Einblick in die von tausend religiösen Vorschriften eingeengte, nur dem Studium des Talmuds dahingegebene und jede weltliche Bildung abweisende Lebensführung auch der oberen Klassen der orthodoxen Juden damaliger Zeit. Von der Wiege bis zum Grabe, während der zahlreichen Fest-, Trauer-, Buß- und Fasttage des Kalenderjahres mußte der Jude auf die Erfüllung der unzähligen Vorschriften bedacht sein, die ihm der Talmud machte, und durch die sein Essen und Trinken, seine Kleidung, sein Wachen und Schlafen, sein Beten und Feiern, seine Lust und seine Trauer geregelt wurden. Das, was dem Laien nur als Sitte erscheint, wurde bei diesem temperamentvollen Volke auch zur Sittlichkeit. Innerhalb der strengen Gebundenheit, die jede menschliche Empfindung einer Kontrolle unterwarf, wurde der Jude zur Frömmigkeit, zur Selbstbeherrschung erzogen. Das Studium des Talmuds gewöhnte an logisches Denken, und die Gemeinsamkeit der zahlreichen Religionsübungen entwickelte im Verein mit der Abgeschlossenheit des Juden gegen die ihn umgebende christliche Welt den Familiensinn zu einer Innigkeit, wie kaum je bei einem anderen Volke. Ergreifend ist die Schilderung der auf Befehl Kaiser Nikolaus I. erfolgten Zerstörung des Heimatsortes der Verfasserin, der Stadt Brest in Lithauen, an deren Stelle eine Festung erbaut werden sollte. Selbst die Toten mußten ihre letzte Ruhestätte verlassen. Im Jahre 1838 kam es wie die erste Ahnung einer neuen Zeit über das in Unwissenheit und strengem Formelglauben dahinlebende Volk, als die russische Regierung die Schulen einer gründlichen Reform unterzog und mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung unter den Juden zu verbreiten, den Minister der Volksbildung und den Gelehrten Dr. phil. Lilienthal betraute. Zu dem Wert und Reiz des Buches trägt die Darstellung nicht wenig bei. Schlicht und einfach, ohne rethorischen Aufputz, ohne besonderes Pathos schreibt die Verfasserin Gebräuche und Einrichtungen, jedoch besitzt sie in hohem Grade die Gabe, Erlebtes anschaulich zu machen und auch den fernstehenden Leser lebhaft zu interessieren.
Frankfurter Zeitung.
Die Verfasserin, deren Jugend in die dreißiger und vierziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts fällt, entwirft ein sehr anschauliches Bild vom Leben und Treiben in einer streng gläubigen, jüdischen Familie, die zu den wohlhabendsten in der Stadt Brest-Litowsk zählte. Schon nach Durchsicht der ersten Seiten wird einem der Eindruck zuteil, daß man es mit einer photographisch treuen, dabei künstlerisch abgerundeten Wiedergabe des Geschauten und Erlebten zu tun hat, daß, mit einem Wort, ein kulturhistorisches Dokument vorliegt. Solche Bücher sind immer lesenswert. In diesem Falle kommt noch das Spezialinteresse hinzu, welches die bis in die feinsten Details gehenden, dabei keineswegs ermüdenden Schilderungen der religiösen Gebräuche der lithauischen Juden, den Religionsgenossen der Verfasserin, darbieten können. Bedeutungsvoll ist das Kapitel, welches vom Beginn der Aufklärungsperiode unter den russischen Juden handelt. Wie anderwärts, so auch hier hat die Emanzipation der Geister neben mancherlei Freuden auch ihre Leiden mit sich gebracht. Die Aufklärung hat, wie Dr. Karpeles in seinem Geleitwort sagt, »die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum lagerten, durchbrochen,« sie hat aber auch die Juden, die bis dahin, gleichsam wie auf einer Insel inmitten des slawischen Völkerozeans eine Sonderexistenz führten, in Berührung mit feindlichen und häufig moralisch minderwertigen Elementen gebracht. Im zweiten Bande, der hoffentlich bald dem ersten nachfolgen wird, erfahren wir vielleicht einiges darüber.
Die Zeit. Wien.