Seña Frasquita, welche an der Saalthüre stehen geblieben war, stieß eine Art von Gebrüll aus.
»Kommen Sie näher, Señora, und setzen Sie sich,« fügte die Corregidora hinzu, indem sie sich mit erhabener Würde an die Seña Frasquita wendete.
Sie selbst schritt auf das Sofa zu.
Die hochherzige Navarresin begriff sofort die ganze Größe in der Haltung der beleidigten und vielleicht doppelt beleidigten Gattin. Darum erhob sie sich im Augenblick zu gleicher Höhe, beherrschte ihre natürlichen Triebe und bewahrte ein anständiges Stillschweigen. Und glaubt nur nicht etwa, daß die Seña Frasquita in all ihrer Unschuld und Kraft Eile gehabt hätte, sich zu verteidigen... Große Eile hatte sie anzuklagen, sehr große... aber gewiß nicht die Corregidora. Mit wem sie ein Hühnchen zu pflücken hatte, das war mit dem Tio Lucas, und Tio Lucas war nicht dort.
»Seña Frasquita,« wiederholte die edle Frau, als sie sah, daß die Müllerin sich nicht von der Stelle gerührt hatte, »ich habe Ihnen gesagt, daß Sie näher kommen und sich setzen sollen.«
Diese zweite Aufforderung wurde mit noch herzlicherer und gefühlvollerer Stimme ausgesprochen, als die erste. Fast konnte man sagen, daß die Corregidora beim Anblick des ruhigen Antlitzes und der männlichen Schönheit jener Frau instinktiv erraten hatte, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen, verächtlichen Wesen, vielmehr mit einer anderen Unglücklichen zu thun hatte... unglücklich, ja, um der einzigen Thatsache willen, daß sie den Corregidor kennen gelernt.
Darum tauschten die beiden Frauen, welche sich für doppelte Nebenbuhlerinnen hielten, verschiedene Blicke des Friedens und der Nachsicht aus und bemerkten zu ihrem größten Erstaunen, daß ihre Seelen Gefallen aneinander fanden, wie zwei Schwestern, die sich erkennen.
Auf dieselbe Weise erkennen und grüßen sich von fern die weißen Schneefelder auf den umhüllten Bergen.
Als diese sanften Empfindungen sie durchdrangen, trat die Müllerin ein und setzte sich auf den äußersten Rand eines Stuhles.