Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der Schrift seine Anwendung finden: „Die Weiber machen auch Weise abtrünnig“, wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.

Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit weiblicher Sorgen!

Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist; vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.

Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht lästig. Denke an den Spruch: „Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt“ und an den anderen: „Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn“. Unsere Strafe ist eine zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte dich auf an dem Wort des Propheten: „Der Herr geht nicht zweimal ins Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen“. Nimm zu Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war: „So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten“. Daher auch Salomo spricht: „Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes Herr ist, denn der Städte gewinnet“.

Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen, verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten und klagten, wie Lukas erzählt: „Es folget ihm aber nach ein großer Haufe Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn“. Und er, in milder Güte zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug seien und seinen Worten folgen: „Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: ‚Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden?‘“

Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn, der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: „Frauen saßen am Grab, klagten und weinten um den Herrn“. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz bis ins Innerste erschüttern.

Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: „Ihr alle, die ihr vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz“; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich, der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: „Sie werden ihn klagen, wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind“.

Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: „Es sei aber ferne von mir, rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“.

Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde“. Er hat dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran; aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes widerstrebst.

Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist. Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt hat: