„Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;

Aber das Glück ist tot: das hast du geliebt, das beweinst du.“

Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden, was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu teil; denn „keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Mir aber winkt keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.

Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den Tieren geschrieben steht: „Das Vieh ist verfault in seinem Mist“.

Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten. Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift. Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.

Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu übersenden:

„O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd, die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist, vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.“

„Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus giebt ja seinen Gläubigen den Trost: ‚Denn Gott ist getreu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen‘.“

„Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen, vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen in Ewigkeit. Amen.“

Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe Christo! Amen.