VI. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)

Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest, so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten, Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen, welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind, nach dem Worte der Schrift: „Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über“. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten, wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!

Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief an eine Mutter und ihre Tochter: „Schwer ist’s, bei Schmausereien die Keuschheit zu wahren“. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und Meister, beschreibt es in seinem Buch von der „Kunst zu lieben“ des langen und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:

„Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,

Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.

Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun

Sorg’ entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.

Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;

Lieb’ durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.“