War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der Theologie seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein Erkenntnisprinzip drehte die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der Grundsatz gegolten: „credo, ut intellegam“ („ich glaube, damit ich verstehe“), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei der Zweifel; etwas zu glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben, sei widersinnig und unwürdig.
Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner Lehre von der Trinität angegriffen; in seiner „Leidensgeschichte“ schildert er aufs anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später, auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater, Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus).
Großen Anstoß mußten auch seine ethischen Grundsätze und die daraus resultierende Lehre von der Sünde erregen. Nach Abaelard kommt für das sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern die Gesinnung, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt. Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen, als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß einer Liebe hat. „Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.“ Das Echo dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt.
Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch mit seiner Lehre von der Erlösung in scharfen Gegensatz zu der Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden, wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden. —
Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner, die Abaelard am Schluß seiner „Leidensgeschichte“ wie drohende Wolken an seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen. Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu bezeichnet Bernhard die Liebe. „Gott wird erkannt, soweit er geliebt wird“ war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in die Nähe Gottes, sondern die Heiligung, deren höchste Blüte die Ekstase ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird, und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden.
Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des Klosters verbracht.
Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen, wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann. Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der Übersetzung folgendermaßen: „Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute, denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft; sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche, philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der gesagt hat: ‚lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig‘ — sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.“
Ein chronologischer Überblick über das Leben Abaelards und Heloisens ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris 1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters „Zum Paraklet“ durch Abaelard fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr datiert die „Leidensgeschichte“ (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise folgt ihm im Jahre 1163.
Davos, im März 1894.
Dr. P. Baumgärtner.