Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der Briefe giebt O. Gréard in seinem Buche: „Lettres complètes d’Abélard et d’Héloise, Paris, Garnier Frères“. Der französischen Übersetzung ist der lateinische Text in der Recension von Viktor Cousin beigegeben, die auch unserer Übersetzung zu Grunde liegt.

Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen von Moriz Carrière,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da es jedoch gänzlich vergriffen ist — ich selbst habe es nur nach langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen — und eine neue Auflage nicht in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung berechtigt. — Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche, ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist — zumal uns in den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter entgegentritt.

Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der „Leidensgeschichte“ (historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes, der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt — also ein Stück Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet.

Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief Abaelards in die Hände Heloisens und weckte „der alten Wunde unnennbar schmerzliches Gefühl“. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff, das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, „Heloise“). Die Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt, macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an. Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist, da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten.

Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt, von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. — Abaelard dagegen war aus dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte, mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden. Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder Mann, hat Todesgedanken und will im „Paraklet“, dem Kloster, das er Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf daraus machen, daß er einst das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen wilden Ehen) — und das noch größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. —

Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im sechsten Brief die Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu bezwingen sucht — „wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie unser Herz“ — und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche Geschlecht. — Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen (Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren.

Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im neunten Briefe nun schreibt Heloise an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem Interesse. — Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. — Der elfte Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener Predigten an Heloise sandte. — Der zwölfte Brief endlich enthält das Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. — Auch an diese Briefe hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen sie den Stempel der Echtheit an sich. —

Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über die hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards zu sagen. Wir sehen aus der Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und vielfach glaubte man wohl auch damals, „wenn man nur Worte hörte, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen.“ Abaelard war ein geborenes Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen.

Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis der Allgemeinbegriffe zu den Einzeldingen (z. B. Menschheit — Mensch). Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), reale Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte Aristoteles: reales Sein kommt nur dem Einzelding zu, die Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe (nomina).

Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte, seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche Existenz des Allgemeinbegriffs „Gottheit“ und es blieben ihm nur die drei Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung.