Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mönche und Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber überkommen. Gleichwohl gab es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Männer und Frauen gewisse Anfänge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium: „Die Söhne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von Mönchen“. Auch erzählt der Evangelist von jener Hanna, die beständig im Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im Tempel begrüßen durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfüllt wurde. Dann, als die Zeit erfüllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszuführen und das, was noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlösen, so hat es ihm auch gefallen, beide Geschlechter in dem wahren Mönchtum seiner Gemeinschaft zu vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf für Männer wie für Frauen seine weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten. Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den Aposteln und übrigen Jüngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: „Der Herr ist mein Erbteil“. Sie erfüllten in frommem Eifer die Bedingung, welche nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfüllen müssen, die der Welt den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten wollen. „Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“
Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn nachgefolgt sind, und wie ihre Frömmigkeit von Christus selbst und nachher von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht ausführlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium, wie der murrende Pharisäer, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem getadelt und der Liebesdienst des sündigen Weibes weit über die genossene Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner Auferweckung mit den andern bei Tische saß und seine Schwester Martha allein die Bedienung übernahm, wie Maria ein Pfund köstlicher Salbe auf die Füße des Herrn goß und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie vom Duft dieser köstlichen Salbe das ganze Haus erfüllt wurde, und wie im Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unnötige Verschwendung getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der übrigen Jünger geweckt wurde. Während also Martha sich um die Bewirtung bemüht, bereitet Maria Wohlgerüche, die eine erquickt den Müden innerlich, die andere läßt ihm äußerliche Pflege angedeihen.
Nur von Frauen erzählen die Evangelien, daß sie dem Herrn gedient haben. Sie gaben ihr Eigentum für seinen täglichen Unterhalt hin und versorgten ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen Jüngern gegenüber bei Tisch, bei der Fußwaschung zum Diener erniedrigt. Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß ihm von einem seiner Jünger oder überhaupt von einem Manne ein ähnlicher Dienst erwiesen worden sei: die Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen Fällen der Bedürftigkeit ihre Dienste zur Verfügung. Das Gegenstück zu der dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha, und im Liebesdienst der Maria das Gegenstück zur Fußwaschung. Maria zeigt dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen war. Der Herr goß Wasser in eine Schale, um die Fußwaschung zu verrichten: sie aber netzte seine Füße mit Thränen tiefinnerster Reue, nicht mit äußerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jüngern die Füße, ihr mußten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fügte noch wohlriechende Salben hinzu, während uns nicht bekannt ist, daß der Herr etwas Ähnliches gethan habe. Ferner weiß ja jedermann, daß sie im Vertrauen auf seine Güte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe über sein Haupt auszugießen. Und zwar wird berichtet, daß sie die Salbe nicht aus dem Gefäß habe träufeln lassen, sondern sie habe das Gefäß zerbrochen und so dessen Inhalt über den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewürdigt war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.
Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That Zeugnis ab, daß er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der, welchen der Prophet im voraus angekündigt hatte. Welch unbegreifliche Güte des Herrn, oder was für ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, daß er nur ihnen sein Haupt wie seine Füße anvertraut, sie zu salben? Wie kommt das schwächere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, daß ein Weib den Herrn der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfängnis an mit dem heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte sie ihn zum König und Priester weihen und ihn so auch äußerlich zum Christus, d. h. zum Gesalbten machen.
Wir wissen, daß zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch später war es nur den Männern gestattet, die Salbung von Königen oder Priestern vorzunehmen oder überhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den Frauen unter Umständen eingeräumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit Öl ein. Also die Männer geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am Urbild selbst ihre Wirkung ausgeübt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt: „Sie hat ein gutes Werk an mir gethan“. Christus selbst wird von einem Weibe gesalbt, die Christen von Männern, das Haupt von einer Frau, die Glieder von Männern.
Mit vollem Recht wird von ihr erzählt, sie habe die Salbe auf sein Haupt nicht geträufelt, sondern darüber ausgegossen, nach jenem Wort, das die Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: „Dein Name ist eine ausgegossene Salbe“. Auf die überströmende Fülle dieser Salbe deutet auch der Psalmist vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum Saum des Kleides hinabfloß: „Wie der köstliche Balsam ist, der herabfließt vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid“.
Von David lesen wir, daß er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch Hieronymus erwähnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch Christus und die Christen: an den Füßen und am Haupt ist der Herr von einem Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte Ölung.
Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige Christus von ihr gesalbt, an Füßen und Haupt, und erhält von ihr die Weihe des Königs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwählten in der Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet an die einzigartige Würde seines Königtums wie seiner Priesterwürde; und zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die höhere, die der Füße die niedrigere Würde. Siehe da! selbst die Weihe des Königs empfängt er von einem Weibe, der doch die von Männern ihm gebotene Krone ausschlug und ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum König machen wollten. Himmlischen, nicht irdischen Königtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der selbst später von sich gesagt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Bischöfe rühmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische Könige salben, wenn sie, angethan mit ihren prächtigen goldglänzenden Gewändern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen, die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewöhnlichen Kleid, ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern allein ihre hingebende Frömmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles träget! Der Pharisäer murrt, daß des Herrn Füße von einer Sünderin sollen gesalbt werden; die Apostel mißbilligen es laut, daß das Weib selbst sein Haupt zu berühren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschüttert, sie traut auf die Güte des Herrn, und der Herr läßt sie nicht ohne Schutz und Hilfe. Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst, indem er verlangt, man solle sie gewähren lassen, und zu dem entrüsteten Judas sagt: „Laß sie mit Frieden, sie mag’s so halten zum Tag meiner Begräbnis“. Als wollte er sagen: mißgönne nicht diesen Liebesdienst dem Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, daß auch für die Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria hätte dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit durch eine Zurückweisung in Verlegenheit versetzt worden wäre. Ja, als die Jünger über die große Kühnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem Bericht des Markus sie anfuhren, besänftigte er ihren Zorn durch milden Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, daß er sie ins Evangelium aufgenommen wünschte und voraussagte, daß wo in aller Welt von ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedächtnis dieser Frau, die damals ihrer Kühnheit wegen sich tadeln lassen mußte. Wir wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn selber gelobt und anerkannt worden wäre. Auch an dem Beispiel der armen Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit der Frauen sei.
Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, daß er und seine Mitjünger alles um Christi willen verlassen haben. Zachäus, voll Sehnsucht die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hälfte seiner Güter den Armen und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfältig wiederzugeben. Viele andere haben es sich im Namen Christi oder für Christum noch viel mehr kosten lassen und haben viel größere Herrlichkeiten in seinen Dienst gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.