Wie groß ihre fromme Hingabe für ihn war, das lehren uns am deutlichsten die Vorgänge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken aus, während das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, während der Jünger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die übrigen sich zerstreuen. Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen während seines Leidens und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders scheint das Wort des Apostels zu passen: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst?“ Darum hat auch Matthäus, nachdem er von sich selber und von den andern Jüngern gleicherweise berichtet hatte: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen von ihm“ — im weiteren Verlauf seiner Erzählung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: „Und es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren nachgefolget aus Galiläa und hatten ihm gedienet“. Auch erzählt derselbe Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht trennen konnten: „Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die setzten sich gegen das Grab“. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: „Es waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome, die ihm auch nachgefolget, da er in Galiläa war und gedienet hatten, und viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren“.

Johannes erzählt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst, der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel ermutigt und zurückgerufen worden wäre. „Es stund aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen“ u. s. w.

Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jünger hat lange vor dieser Zeit der fromme Hiob für die Person Christi angedeutet in prophetischen Worten: „All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut hängt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zähnen sind übrig geblieben“. Auf den Gebeinen nämlich beruht die Rüstigkeit des Körpers, weil sie dem Fleisch und der Haut zur Stütze dienen. In dem Leib Christi nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des christlichen Glaubens gemeint oder jene glühende Liebe, von welcher es im Lied der Lieder heißt, daß auch viel Wasserströme die Liebe nicht mögen verlöschen; von welcher auch der Apostel sagt: „Sie träget alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles“. Das Fleisch aber bildet am Körper das Innere, die Haut das Äußere. Die Apostel, die durch ihre Predigt für die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die Bedürfnisse des Körpers bemühen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut (am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heißt: als die Jünger am Leiden ihres Herrn Anstoß nahmen und über seinen Tod in Verzweiflung gerieten, blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschüttert und wich keinen Zoll breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurück, daß sie selbst von dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch körperlich. Die Männer sind ja von Natur an Geist und Körper den Frauen überlegen. Darum wird mit Recht die männliche Natur unter dem Bilde des Fleisches dargestellt, welches dem Gebein näher ist, die schwache Natur des Weibes dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es, die sündigen Menschen durch ihre Rüge gleichsam zu beißen, darum stellen sie die Zähne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen übrig geblieben, das heißt Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts für ihn. In dieser Verfassung waren auch die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen und miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten Petrus und die übrigen Jünger anderes als Worte, als der Herr seinen Leidensweg betreten mußte und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, daß sie sich an seinem Leiden ärgern werden? „Wenn sie auch alle, sprach Petrus, sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern.“ Und noch mehr: „Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jünger“. Freilich: sie sagten mehr als sie thaten. Jener erste und größte Apostel, der mit dem Munde so standhaft war, daß er zum Herrn sagte: „Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“; dem der Herr seine Kirche im besonderen anvertraut hatte mit den Worten: „Wenn du dich dermaleins bekehrst, so stärke deine Brüder“ — er schämt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht bloß einmal thut er das, sondern dreimal hintereinander; während sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn, und ebenso fliehen alle übrigen Jünger von ihm in alle Winde; die Frauen dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder geistig noch körperlich. Eine von ihnen, jene fromme Sünderin, spricht, indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: „Sie haben meinen Herrn weggenommen“, und weiter: „Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen“. Die Widder, ja vielmehr die Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus. Seine Jünger mußte der Herr ihrer fleischlichen Schwäche wegen tadeln, denn sie vermochten selbst in seiner höchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht unter Thränen zu und wurden gewürdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre Liebe, während er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, daß er auferstanden sei und lebe.

Während, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzählt von ihnen; „Es folgten aber die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galiläa und beschaueten das Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten Spezereien“. Sie begnügten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath über waren sie stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in aller Frühe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria Jakobi und Salome zum Grab.

Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen, welcher Ehre sie gewürdigt wurden. Fürs erste wurden sie durch die Erscheinung des Engels getröstet mit der Kunde, daß der Herr schon auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berühren. Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste war; dann die andern mit ihr, von welchen es heißt, daß sie nach der Engelserscheinung „zum Grabe hinausgingen und liefen, daß sie es seinen Jüngern verkündigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßet. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkündiget es meinen Brüdern, daß sie gehen nach Galiläa: daselbst werden sie mich sehen“. Auch Lukas berichtet darüber in ähnlicher Weise: „Es waren aber Maria Magdalena und Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln sagten“. Auch Markus verschweigt es nicht, daß die Frauen zuerst von dem Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkündigen; er läßt den Engel zu den Weibern sagen: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird in Galiläa“. Auch der Herr selbst, da er zuerst der Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: „Gehe hin zu meinen Brüdern und sag ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.“

Wir sehen aus diesen Berichten, daß jene frommen Frauen gleichsam als Apostelinnen über die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so daß die Apostel von den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten.

Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzählt, daß der Herr die Frauen grüßte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine Begegnung wie durch seinen Gruß wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie Gegenstand seiner fürsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, daß er anderen gegenüber das ausdrückliche Begrüßungswort: „seid gegrüßet“ gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja früher seinen Jüngern das Grüßen untersagt mit den Worten: „Und grüßet niemand auf dem Wege“. Es ist, als hätte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und selbst an ihnen ausüben wollen, nachdem er schon die Glorie der Unsterblichkeit erlangt hatte.

Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, daß die Apostel alsbald nach der Himmelfahrt des Herrn vom Ölberg nach Jerusalem zurückgekehrt seien, und die Frömmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausführlich schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im Glauben nicht mit Stillschweigen übergangen, sondern es heißt von ihnen: „diese alle waren stets bei einander einmütig mit Bitten und Flehen samt den Weibern und Maria, der Mutter Jesu“.

Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jüdischen Frauen, die gleich im Anfang, während der Herr selbst noch lebte und das Evangelium verkündigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die ihr erwählt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken, welche später von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannerträger des christlichen Häufleins, Stephanus, der erste der Märtyrer, mit einigen anderen geistbegabten Männern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde. Auch hierüber berichtet die Apostelgeschichte: „In den Tagen aber, da der Jünger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in der täglichen Handreichung. Da riefen die Zwölfe die Menge der Jünger zusammen und sprachen: ‚Es taugt nicht, daß wir das Wort Gottes unterlassen und zu Tische dienen. Darum, ihr lieben Brüder, sehet unter euch nach sieben Männern, die ein gut Gerücht haben und voll heiligen Geists und Weisheit sind, welche wir bestellen mögen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.‘ Und die Rede gefiel der ganzen Menge wohl und erwähleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel und beteten und legten die Hände auf sie“. Es spricht gar sehr für die Enthaltsamkeit des Stephanus, daß er zum Dienst und zur Fürsorge für die frommen Frauen bestellt wurde. Was für ein hohes Ehrenamt die Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hände, als wollten sie diejenigen, die damit betraut wurden, beschwören, Treue zu halten, und durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen.

Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines Apostelamtes in Anspruch: „Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester zum Weibe mit umherzuführen, wie die andern Apostel?“ Als wollte er sagen: Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie auf unsern Missionsreisen mit uns zu führen, wie die andern Apostel, damit sie, während wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere äußeren Bedürfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem Buch „Vom Werk der Mönche“: „Darum gingen gläubige Weiber mit ihnen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht Mangel litten“. Ferner: „Wer nicht glauben will, daß die Apostel frommen Frauen gestatteten, sie überall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium verkündigten, der möge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen, daß sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium heißt es: ‚Und es begab sich danach, daß er reisete durch Städte und Märkte und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die Zwölfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe‘. Hieraus geht also deutlich hervor, daß der Herr, während er predigend umherzog, von dienenden Frauen mit den Bedürfnissen des äußerlichen Lebens versorgt wurde und daß diese Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.“