Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Männern und Frauen sich häufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche Frauen wie Männer besondere klösterliche Behausungen. So erwähnt die „Kirchengeschichte“ das Lob, welches der beredte Jude Philo über die alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrücken niedergelegt hat; es heißt dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: „In vielen Gegenden der Erde leben solche Menschen“. Und bald darauf: „An jedem dieser Orte befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches ‚senivor‘ oder ‚Monasterium‘ genannt wird“. Ferner heißt es weiter unten: „Sie kennen nicht bloß die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten gar lieblich singen“. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heißt: „Bei den Männern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen, darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberührt und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus Frömmigkeit; die, während sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen, nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es für unwürdig halten, daß das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gefäß der Lust diene, oder daß diejenigen sterbliche Kinder gebären, die nach der geheiligten unsterblichen Frucht des göttlichen Wortes streben und die eine Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der Vernichtung anheimfällt“. Weiter heißt es von Philo: „Er schreibt auch von ihren Gemeinschaften, daß Männer und Weiber getrennt in besonderen Vereinigungen leben, und daß sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch Sitte ist“.
Hierher gehört auch, was die „Dreiteilige Geschichte“ zum Lobe der christlichen Philosophie, d. h. des Mönchslebens sagt, dem Frauen wie Männer sich ergeben. Es heißt da Buch I, Kapitel XI: „Die Begründer dieser tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und Johannes der Täufer.“ Der Pythagoräer Philo aber erzählt, daß zu seiner Zeit fromme Hebräer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei einem Sumpf Maria, auf einem Hügel gelegen, vereinigt und dort der Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernähren und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den ägyptischen Mönchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, daß sie vor Sonnenuntergang keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gänzlich enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser. Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten.
Ähnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches „Berühmte Männer“ zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: „Er zuerst predigte in Alexandria von Christus und gründete daselbst eine Kirche, durch Lehre und Sittenstrenge so ausgezeichnet, daß sich alle Christen an ihr ein Beispiel nehmen mußten“. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch über dessen Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzählt, daß die Gläubigen in Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgänge in der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem Gedächtnis überliefert.
Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: „Der Jude Philo, von Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehörend, wird von uns darum unter die Kirchenschriftsteller gezählt, weil er in seinem Buch über die erste, vom Evangelisten Markus gegründete Kirche von Alexandria sich in Lobsprüchen über die Unsrigen ergeht und erwähnt, daß dieselben nicht bloß hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre Wohnungen Klöster nennt“.
Daraus geht doch hervor, daß im Anfang die Gemeinschaft der Christen von der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mönche nachahmen und erstreben: da besaß keiner etwas für sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte, wurde unter die Bedürftigen verteilt, im übrigen füllte man die Zeit aus mit Gebet und Singen, mit Predigt und Übung in der Enthaltsamkeit, wie dies Lukas in ähnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem berichtet.
Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, daß in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religiöse Leistungen betreffen, die Frauen nicht hinter den Männern zurückgeblieben sind. Die heiligen Urkunden berichten, daß sie ebenso wie die Männer Lieder zur Ehre Gottes nicht bloß gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Männer allein, sondern mit ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also steht geschrieben: „Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am Reigen und sie sang ihnen vor: ‚lasset uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche That gethan‘“. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm wird nicht gesagt, daß er wie Mirjam vorgesungen habe, überhaupt wird von den Männern nicht berichtet, daß sie gleich den Weibern mit Pauken am Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt wird, so scheint sie jenen Gesang nicht bloß vorgetragen und abgesungen, sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner heißt, sie habe den übrigen vorgesungen, so ist das ein Beweis für die strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und daß sie nicht bloß einfach sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchöre bildeten, zeugt nicht allein für ihren großen Eifer, sondern deutet auch vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klösterlichen Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: „Lobet ihn mit Pauken und Reigen“, d. h. so viel als: durch Abtötung des Fleisches und durch jene einträchtige Liebe, von der geschrieben steht: „Die Menge der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele“.
Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben, ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Hütte ihrer irdischen Behausung verläßt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus frohlockend dem Herrn ein Loblied singt.
Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit den Klöstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brüder, Kapitel V: „Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll wissen, daß er daselbst für immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels, zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem Platze, auf den man ihn gestellt hatte“. Es ist auch sicher, daß die Töchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil hatten wie ihre Brüder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: „Alle Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben und deinen Söhnen und Töchtern samt dir zum ewigen Recht“. Es scheint demnach, als habe man auch für den Stand der Kleriker keinen Unterschied gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, daß die Frauen mit den Männern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden Namen Gegenstücke finden zu den Leviten und Levitinnen.
In demselben Buch finden wir auch, daß jenes strenge Gelübde und die Weihe der Nasiräer ebenso für Frauen wie für Männer seine Geltung hatte, denn der Herr selbst spricht zu Mose: „Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ein Mann oder Weib ein Gelübde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der soll sich Weins und starken Getränks enthalten. Weinessig oder starken Getränks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren gemacht wird. Er soll weder frische noch dürre Weinbeeren essen, so lange solches sein Gelübde währet; auch soll er nichts essen, das man vom Weinstock machet, weder Weinkern noch Hülsen, so lange die Zeit solches seines Gelübdes währet“. Dieses Gelübde, glaube ich, hatten jene Weiber auf sich genommen, die an der Thüre des Heiligtums Wache hielten, aus deren Spiegeln Moses ein Gefäß verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Söhne waschen sollten, wie geschrieben steht: „Moses stellte ein ehernes Becken auf, daß Aaron und seine Söhne sich daraus wüschen; das er verfertigt hatte aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thüre des Heiligtums wachten“. Ausdrücklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen, sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, während die Männer schliefen. Durch die Erwähnung, daß das Heiligtum ihnen verschlossen war, wird treffend hingedeutet auf das Leben der Büßenden, welche sich von den übrigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Buße desto härter anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der mönchischen Lebensweise, in welcher man im großen Ganzen eine mildere Form der Buße sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thüre die Frauen wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die Hebräer spricht: „Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen, die der Hütte pflegen“, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht würdig sind, die ihrem Körper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in einem Lager, dienen, zur Lüsternheit verhelfen. Die Thür des Heiligtums aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Körper ausgeht und die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thüre wachen, sind die, welche über den Ausgang aus diesem Leben und über den Eintritt ins zukünftige sich Sorge machen und durch Buße diesen Ausgang also gestalten, daß sie dereinst jenes Eingangs gewürdigt werden. Auf diesen täglichen Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des Psalmisten: „Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang“. Denn unsern Eingang und Ausgang behütet er dann, wenn er uns, die wir von hier ausziehen und vorher durch die Buße uns gereinigt haben, alsbald dort einläßt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht sowohl mit Rücksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere oder höhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, während jener Eintritt ins ewige Leben mit der höchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel der Frauen sind die äußeren Werke, nach denen man die Häßlichkeit oder Schönheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren Spiegeln wird ein Gefäß verfertigt, in dem sich Aaron und seine Söhne waschen sollen; dies soll heißen: die guten Werke der frommen Frauen und die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schärfste die Lässigkeit der Priester und Ältesten und veranlassen sie zu Thränen der Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch welche sie von ihren Sünden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat gewiß der heilige Gregorius sich ein Gefäß der Buße bereitet, als er die Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: „Was werden die rauhen Männer sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe siegreich hervorgehen sehen, so daß man ihm oft die doppelte Krone der Jungfräulichkeit und des Martyriums zuerkennen muß?“
Ich zweifle nicht daran, daß zu den oben erwähnten Frauen, die an der Thüre der Stiftshütte wachen und die als eine Art Nasiräerinnen ihre Witwenschaft dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehört, die zugleich mit dem heiligen Simeon gewürdigt wurde, den vornehmsten Nasiräer, unsern Herrn Jesum Christum, im Tempel zu begrüßen und die, was keinem Propheten vergönnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und öffentlich verkündigen durfte. Ihr zum Lobe erzählt der Evangelist: „Und es war eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die da auf die Erlösung zu Jerusalem warteten“.