Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mühe giebt mit dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrücken er ihre Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfältig aufgezählt: die Gabe der Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhänglichkeit an den Tempel, ihr anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der Dank, den sie ihm darbrachte und ihr öffentliches Reden von dem verheißenen und nunmehr geborenen Heiland.
Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwähnt er nicht von ihm, daß er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des Herrn so eifrig gewesen sei, weiß auch nichts davon, daß er andern gegenüber vom Messias geredet habe.
Diesem Stand und Lebensberuf gehören auch jene rechten Witwen an, über welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: „Ehre die Witwen, welche rechte Witwen sind.“ Ferner: „Das ist aber eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf daß sie untadelig seien.“ Und weiter: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf daß die so rechte Witwen sind, mögen genug haben“. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen, welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben, oder solche, die aus Frömmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie niemand haben, der für sie Sorge trägt. Solche Witwen sollen, nach der Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Bräutigams.
Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu wählen seien: „Laß keine Witwe erwählet werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich“.
Diesen letzteren Punkt führt der heilige Hieronymus noch weiterhin also aus: „Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein böses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jüngere zu diesem Amt gewählt werden, die der Versuchung leichter zugänglich und von Natur noch schwächer sind: sie möchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein übles Beispiel geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten“. Von dem üblen Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden könne, redet der Apostel so offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und diesem Übelstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat: „Der jungen Witwen entschlage dich“, fügt er alsbald den Grund und das Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: „Denn wenn sie geil worden sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben ihr Urteil, daß sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul und lernen umlaufen durch die Häuser; nicht allein aber sind sie faul, sondern auch schwätzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach“.
Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus, in welchem er sagt: „Junge Äbtissinnen wollen wir durchaus nicht; deine brüderliche Liebe möge daher den Bischöfen gebieten, nur Jungfrauen, die das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt sind, den Schleier zu geben“. Was wir jetzt Äbtissin nennen, nannte man früher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter. Diakon heißt Diener und man hielt dafür, daß die Diakonissen nach ihrem dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht: „Wer unter euch der Größeste ist, der soll aller Diener sein“. Und wiederum: „Welcher ist der Größeste, der zu Tische sitzt oder der da dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener“. Und an einer andern Stelle: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, sondern daß er diene.“ Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft göttlicher Autorität den Titel „Abt“, den damals schon viele mit Stolz führten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs: „Der schreiet: Abba, lieber Vater“, sagt er: „Abba bedeutet im Hebräischen ‚Vater‘. Da nun Abba im Hebräischen und Syrischen ‚Vater‘ heißt und der Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so weiß ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klöstern entweder andere bei diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewiß ist derjenige, welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat: du sollst nicht schwören. Wenn wir nicht schwören, so dürfen wir auch niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort ‚Vater‘ anders auslegen, so müssen wir notwendig auch über das Gebot vom Schwören anders denken“.
Eine solche Diakonisse war jene Phöbe, welche der Apostel Paulus der römischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und für die er folgendes gute Wort einlegte: „Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist am Dienst der Gemeine zu Kenchreä, daß ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie sich’s ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschäft, darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch mir selbst“. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklären, sagen ebenfalls aus, daß sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei Cassiodorius heißt es: „Der Apostel deutet an, daß sie Diakonisse der Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgeübt; auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt“. Claudius sagt darüber: „Diese Stelle beweist, daß nach apostolischer Verordnung auch Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete in der Gemeinde von Kenchreä Phöbe, welche der Apostel so sehr lobt und warm empfiehlt“.
In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen selbst und giebt ihnen ganz ähnliche sittliche Verhaltungsmaßregeln. Er sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen Abstufungen kirchlicher Ämter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu sprechen kommt: „Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht zweizüngig, nicht Weinsäufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben“. Ferner: „Und dieselbigen lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie unsträflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen. Die Diener laß einen jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und ihren eigenen Häusern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst eine gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu“.
Also, was er dort von den Diakonen sagt: „Sie seien nicht zweizüngig!“ das gilt hier von den Diakonissen: „nicht Lästerinnen“; wie er dort sagt: „nicht Weinsäufer“, so hier: „nüchtern“, und was dort sonst noch näher ausgeführt wird, das faßt er hier zusammen in den Worten: „Treu in allen Dingen“. Wie er den Bischöfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes Weib zu sein. „Laß keine Witwe erwählet werden, sagt er, unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich.“
Wie sorgfältig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die vorangehenden Vorschriften für Bischöfe und Diakonen damit vergleicht. Von dem „ein Zeugnis haben guter Werke“ oder von „gastfrei sein“ wird bei den Diakonen nichts erwähnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifügt: „so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen“ u. s. w., so findet man bei den Bischöfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts. Zwar verlangt er von Bischöfen und Diakonen, daß sie „unsträflich“ seien. Von den Diakonissen aber verlangt er nicht bloß, daß sie untadelig seien, sondern auch, daß sie „allem guten Werk nachgekommen seien“. Sehr vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr Ansehen in allen Stücken um so größer sei: „nicht unter sechzig Jahren“; nicht bloß vor ihrer Lebensführung, sondern auch vor ihrem hohen, an Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er älter war, über ihn und die anderen Jünger gesetzt. Denn jedermann erträgt leichter einen Älteren als Vorgesetzten, denn einen Jüngeren, und lieber gehorchen wir einem älteren Mann, welchen nicht bloß zufällige Lebensumstände, sondern die Natur und die Zeitverhältnisse über uns gestellt haben.