Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Höhen entsendet.“

Betrachte die einzelnen Aussprüche der Sibylle: wie vollständig und wie deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift übergangen, nämlich das erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion, und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hölle noch die Herrlichkeit der Auferstehung übergeht, scheint sie nicht bloß die Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu übertreffen, die von Christi Höllenfahrt nichts berichtet haben.

Müssen wir ferner uns nicht alle höchlich wundern über das vertrauliche, lange Gespräch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, daß darob selbst die Apostel staunten? Von der Ungläubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen Männer anrüchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht bekannt ist, daß er von irgend jemand Speise erbeten hätte. Die Apostel kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: „Rabbi, iß“ — er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner Entschuldigung sagt er: „Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht von“. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: „Wie bittest du von mir zu trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern“. Und weiter: „Hast du doch nichts, damit du schöpfest und der Brunnen ist tief“. So verlangt er also von der Heidin, die’s ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen, welche die Apostel ihm anbieten, nicht berührt. Ist das nicht eine gnädige Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies, wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, daß ihm die Tugend der Frauen um so angenehmer sei, je schwächer sie eingestandenermaßen von Natur sind, und daß er um so mehr nach ihrem Heil verlange und dürste, je bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken verlangt, giebt er zu verstehen, daß er diesen seinen Durst vorzüglich durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank nennt er auch Speise, indem er sagt: „Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht von“. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im folgenden auseinander: „Meine Speise ist, daß ich thue den Willen meines Vaters“ — und deutet damit an, daß der Wille seines Vaters in Sonderheit da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.

Es ist uns berichtet, daß Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der Juden, ein vertrautes Zwiegespräch gehalten habe, in welchem er auch diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, über das Heil seiner Seele belehrte; aber es wird zugleich erzählt, daß dieses Gespräch keinen ebenso guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von prophetischem Geist erfüllt, der ihr eingab, daß Christus bereits zu den Juden gekommen sei und daß er auch zu den Heiden kommen werde; und so sprach sie: „Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkündigen“. Und viele Leute aus jener Stadt, heißt es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jüngern sagt: „Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte“.

Derselbe Johannes erzählt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas dem Herrn sagen lassen, sie möchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts davon, daß sie wirklich zugelassen wurden und daß ihnen, die doch darum baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht bloß sie allein bekehrt, sondern hat durch sie — so wird berichtet — viele andere gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus geführt, haben, so heißt es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt hatte verkündigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute für ihn gewonnen hat.

Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien nachschlagen, so finden wir, daß die göttliche Gnade, jene höchste Wohlthat der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und daß nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So lesen wir zunächst, daß auf die Bitte der Mütter von Elia und Elisäus ihre Söhne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst läßt die Wohlthat dieses unerhörten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen, wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel in seinem Brief an die Hebräer: „Die Weiber haben ihre Toten aus der Auferstehung wiedergenommen“. Denn das auferweckte Mädchen hat seinen toten Körper wieder zurückbekommen so gut wie die übrigen Frauen durch die Auferweckung und Rückgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getröstet wurden. Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem er sie zunächst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz besonders auszeichnete, daß er ihnen, wie schon erwähnt wurde, zuerst erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das natürliche Gefühl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, während die Männer ihn zur Kreuzigung führten, folgten die Frauen nach und klagten und weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank für ihre Liebe verkündigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus Mitleid, damit sie ihm entrinnen möchten, den bevorstehenden Untergang: „Ihr Töchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben.“

Ferner erzählt Matthäus, daß die Frau des ungerechten Richters treulich an der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: „Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traum von seinetwegen“. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der Predigt Jesu zuhörte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob, daß sie ausrief: „Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brüste, die dich gesäuget haben“. Und alsbald mußte sie sich für ihr Bekenntnis, so richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre Worte also verbesserte: „Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“!

Unter den Aposteln genoß allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe des Meisters, so daß er der Lieblingsjünger des Herrn genannt wurde. Von Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: „Denn Jesus hatte Martha lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus“. Derselbe Apostel, der infolge besonderer Bevorzugung, die er genoß, sich als den Lieblingsjünger des Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben an der gleichen Ehre teilnehmen läßt, so nennt er doch die Frauen vor ihm, als wollte er damit andeuten, daß sie dem Herzen Jesu näher standen.

Endlich will ich auf die Frauen zurückkommen, die der christlichen Kirche bereits angehörten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur Verworfenheit öffentlicher Dirnen herabläßt, staunend verkünden und sie verkündigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Ägyptiaca, die nachmals durch die göttliche Gnade zu Ehren und Würden erhoben wurden, ein Vorleben der verworfensten Art geführt? Jene lebte später, wie schon erwähnt, beständig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen übermenschlich harten Bußkampf durchgekämpft, so daß der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle gebührt, wenn man die Mönche beiderlei Geschlechts ins Auge faßt, ja daß das Wort, welches der Herr an die Ungläubigen richtete: „Die Huren werden eher ins Reich Gottes kommen als ihr“ — seine Anwendung selbst auf gläubige Männer zu finden scheint, und daß die, welche ihrem Geschlecht und ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten — die letzten. Endlich, wer weiß es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben, so daß sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Märtyrertod Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging. Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Männern, häufig dagegen bei Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzählt, hielten mit solchem Eifer an dieser höheren Würde ihres keuschen Leibes fest, daß sie nicht zögerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfräulichkeit, die sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem jungfräulichen Bräutigam zu kommen.

Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frömmigkeit heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des Ätna die Menge des heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt, vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon, daß dem Gewand irgend eines Mönches solche Segenskräfte verliehen worden wären. Zwar lesen wir, daß durch Elias’ Mantel der Jordan geteilt wurde, so daß er und Elisäus trockenen Fußes hindurchgingen: dort aber wird durch den Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher ungläubigen Volkes an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel eröffnet.