Auch das ist bezeichnend für die hohe Würde heiliger Frauen, daß sie bei ihrer Weihe die Worte aussprechen: „Durch seinen Ring hat er mich erworben, seine Braut bin ich“. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche die Jungfrauen, die ihr Gelübde ablegen, sich mit Christus vermählen.
Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurückgehen, um zu erfahren, welche Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anführen, so ist die Beobachtung leicht zu machen, daß es schon damals einige Einrichtungen gab, die diesem Beruf ähnlich waren, abgesehen davon, daß der richtige Glaube noch fehlte, und daß unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche von ihnen herübergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist allgemein bekannt, daß die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen Standes vom Thürhüter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich die Geistlichen unterwerfen müssen, die Quatemberfasten, das Fest der süßen Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewändern und manche heiligen Gebräuche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten — von der Synagoge übernommen hat. Ebenso bekannt ist, daß die Kirche mit weiser Mäßigung nicht bloß die Stufenleiter der weltlichen Würden, wie die der Könige und Fürsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Völkern weiter bestehen ließ: sondern sie hat sogar einige kirchliche Würden, die Art und Weise der Ausübung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf körperliche Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, daß jetzt Bischöfe und Erzbischöfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren, und daß die Tempel, welche damals den Dämonen gehörten, später dem Herrn geheiligt und dem Gedächtnis der Heiligen geweiht wurden.
Man weiß auch, daß bei den Heiden der jungfräuliche Stand besonderes Ansehen genoß, während die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit so hoch gehalten, daß in ihren Tempeln große Gemeinschaften von Frauen sich aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: „Was werden wir zu thun haben, wenn uns zur Beschämung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre Jungfrauen, und andere Götzen ihre Enthaltsamkeit übenden Verehrer haben?“ Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren solche, die einst mit Männern verkehrt hatten, nun aber für sich leben, unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen für sich gelebt hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben Sinn.
Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift „gegen Jovinianus“, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angeführt hatte: „Ich bin bei der Aufzählung dieser Frauen absichtlich so ausführlich gewesen, damit diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten, wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen“. Weiter oben in derselben Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, daß es scheinen könnte, als hätte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Völkern ein ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen Wert anerkannt. „Was soll ich reden, sagt er, von der Erythräischen und Kumäischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfräulichkeit und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafür verliehen ist.“ Weiter heißt es da: „Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdächtigt wurde, soll sie an ihrem Gürtel ein Floß fortgezogen haben, das Tausende von Menschen nicht hatten von der Stelle bringen können“. Und Sidonius, Bischof von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes:
„So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,
Deren Vater du warst, o Tricipitinus;
So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,
Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten
Mit jungfräulichem Haar das Floß gezogen.“
Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift „vom Gottesstaat“: „Kommen wir nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Göttern verrichtet unsern Märtyrern entgegenstellen — werden wir da nicht finden, daß auch sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache förderlich sind? Unter den großen Wunderthaten ihrer Götter ist gewiß eine der größten die, welche Varro erzählt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie fälschlicherweise der Unkeuschheit verdächtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber angefüllt und vor ihre Richter getragen, ohne daß ein Tropfen verloren gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen Öffnungen, durch die es hätte abfließen können? Sollte nicht der allmächtige Gott einem irdischen Körper sein Schwergewicht nehmen und dasselbe Element mit Leben erfüllen können, in welchem nach seinem Willen der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?“