Wundern wir uns nicht, daß Gott durch solche und andere Wunder auch unter den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr sie durch die Wirksamkeit der Dämonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist geschehen, um die jetzt Gläubigen destomehr für sie zu begeistern, wenn sie sehen, daß diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten wurde. Wir wissen ja, daß auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, daß selbst Lügenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie führten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der ungläubigen Frauen, sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu retten und die Schlechtigkeit der falschen Ankläger zunichte zu machen?
Es steht fest, daß die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des ehelichen Bundes allen Völkern gleichmäßig von Gott als ein Geschenk verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine eigenen wohltätigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens, durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den Gläubigen, geschehen — vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer Ausübung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lüste des Fleisches meidet.
So hat Hieronymus in Übereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern die Zügellosigkeit des obengenannten Häretikers (Jovinian) sehr passend bekämpft, indem er ihm zurief, er möge unter die Heiden gehen, um bei ihnen mit Erröten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte. Wer wollte verkennen, daß auch die Majestät ungläubiger Fürsten, selbst wenn sie dieselbe mißbrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie, dem natürlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den Fürsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? — besonders da doch, wie der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt, Übel nur in einer sonst guten Natur sein können? Wer stimmt nicht dem Worte des Dichters bei: „Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend?“ Wer wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen für das Wunder, welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder für das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll — die andern Fürsten mögen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden bewegen lassen!
Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Körner aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der Menschen nicht verderbt werden kann, und die Gläubigen sollen daran erkennen, was das für ein Gott sei, der also selbst den Ungläubigen sich erweist.
Ein Beweis für das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf die Verletzung des Gelübdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit folgenden Worten: „Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die Priesterin nun lebendigen Leibes begraben“. So auch Augustin im dritten Buche des „Gottesstaates“: „Die alten Römer begruben lebendig die über dem Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode“. So sühnten sie strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit war. Bei uns aber lassen sich christliche Fürsten den Schutz der Keuschheit angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelübde beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen: „Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht bloß: zu entführen, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit dem Leben büßen“. Daß auch die kirchliche Zucht, die doch den Sünder zur Buße leiten und nicht seinen Tod will, mit großer Strenge gegen Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen, Kapitel XIII: „Frauen, die sich geistig mit Christus vermählt und den Schleier genommen haben, dürfen, wenn sie sich später öffentlich verheiratet haben oder im geheimen verführt worden sind, zur Buße nicht zugelassen werden, außer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen hatten, nicht mehr am Leben ist“. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefaßt hatten, im jungfräulichen Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Buße thun, weil Gott ihr Gelübde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt, sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort brechen? Daher schreibt auch der berühmte Pelagius an die Tochter des Mauritius: „Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die römische Kirche erst vor kurzem mit Recht bestimmt, daß diejenigen Frauen, welche ihren gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Buße mehr würdig zu achten seien“.
Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, daß sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem göttlichen Berufe unterrichtet und gefördert haben. Um von den übrigen zu schweigen, will ich nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anführen: Origenes, Ambrosius und Hieronymus.
Der erste derselben, jener größte christliche Philosoph, hat sich mit solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, daß er sich nach dem Bericht der „Kirchengeschichte“ selbst entmannte, um nicht durch irgendwelche Verdächtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden. Wem wäre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung über die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der Frauen schrieb, zu in den Worten: „Weil ich aber, durch meine große Liebe zu euch, überwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wünscht, so will ich den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen“. Dagegen wissen wir, daß manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und würdige Lebensführung ausgezeichnete Lehrer ausführlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene Äußerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: „Ich habe an den Presbyter Hieronymus, während er in Bethlehem sich aufhielt, zwei Schriften geschickt: eine ‚über den Ursprung der Seele‘ und eine zweite über den Satz des Apostels Jakobus: ‚So jemand das Gesetz hält und sündiget an Einem, der ist’s ganz schuldig.‘ Über beide Schriften bat ich ihn um sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst ungelöst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er antwortete, daß er sich über meine Frage gefreut habe, daß er aber keine Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bücher nicht herausgeben so lange er lebte in der Erwartung, daß er mir doch irgend einmal antworten würde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben könnte. Allein er starb darüber, und erst dann habe ich sie veröffentlicht“. Man sieht also, daß der große Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, daß derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bücher im Schweiß seines Angesichts übersetzt oder geschrieben und ihnen demnach größere Rücksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrüben konnte, weil er die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so groß, daß er bei seinen Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren überschreitet, und als sei er sich dessen selber bewußt, sagt er irgendwo; „Die Liebe kennt keine Grenze“. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: „Wenn alle meine Glieder sich in Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden könnten, ich könnte doch keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswürdigen Paula würdig zu preisen“.
Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vätern geschrieben — der höchsten Verehrung würdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend — und was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias eröffnet er sofort mit einer so starken Lobeserhebung, daß sie uns fast als eine übertriebene Schmeichelei erscheinen muß. „Von allen Gegenständen, sagt er, über welche ich von meiner frühesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das gegenwärtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn ich ihre Tugenden preise, wie sie’s verdienen, wird man von mir sagen, ich sei ein Schmeichler“. Es war für den heiligen Mann ein süßes Amt, durch die Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren Übung der Tugend anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, daß sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: „Mögen sie mich, heißt es da, immerhin für einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten für gut hältst. Denn es ist gefährlich, über den Knecht eines andern zu richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie haben mir die Hände geküßt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet. Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mögen selbst sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein Geschlecht, und auch das würde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht nach Jerusalem gekommen wäre.“ Weiter heißt es: „Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem Verdienst ihrer Frömmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal aller Tugenden bar.“ Und etwas weiter unten sagt er: „Grüße Paula und Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle“.
Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Sünderin mit solch vertraulicher Güte behandelt, daß der Pharisäer, welcher ihn eingeladen hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret“. Was Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi, durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwähnt, nicht davor zurückgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.
Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen, daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid, nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte, daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit teilhaftig geworden sei — eine Behauptung, die mit dem katholischen Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren Geschlechtes gewesen sei.