XI. Brief.
Abaelard an Heloise.
(Mit einer Sammlung von Predigten.)
In Christo verehrungswürdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem ich kürzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet, so habe ich jetzt deinem Wunsche gemäß für dich und deine geistlichen Töchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten verfaßt — eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptsächlich auf Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr den Wortsinn zu ergründen, als die Rede künstlich auszuschmücken. Und vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmückte Redeweise infolge ihrer größeren Klarheit einem einfachen Gemüt faßlicher sein, und eine gewisse Art von Zuhörern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer schmucklosen Rede die Schönheit und Feinheit sehen, und eine Würze darin finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut.
Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlösung. Lebe wohl im Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelübdes!
XII. Brief.
Abaelard an Heloise.
(Abaelards Glaubensbekenntnis.)
Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus — da hinke ich stark. Und während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.
Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich dir in kurzen Worten mitteilen.
Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt, daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk. Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: „Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen“. Denn auf Stufen steigt zum Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt. Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher seine Anhänger Patripassianer heißen.
Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er, obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat, gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.