In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem Unterhalt fehlte.

Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie zu gewinnen, wie denn die „Kirchengeschichte“ dasselbe Verfahren von Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein. Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht, Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen. Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung „über die göttliche Einheit und Dreiheit“ für den Gebrauch meiner Schüler, die nach vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien „die blinden Blindenleiter“, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen Schülern außerordentlich, denn hier — so schien es — fand man auf alle Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort. Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.

Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit, daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein vielbesprochenes Buch „Über die Dreieinigkeit“ dorthin mitzubringen. Und so geschah es.

Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre in Wort und Schrift drei Götter — das hatte man ihnen vorgeredet.

Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte sich das Wort erfüllen: „Meine Feinde sind meine Richter“.

Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die Geistlichkeit fingen an zu murren: „Sehet, nun redet er frei und offen vor aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?“

Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: „ich bin bereit, hierüber Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist“. Darauf versetzte er: „In solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.“ — „Schlaget nur in meinem Buche nach,“ erwiderte ich, „und ihr werdet eine solche Autorität finden.“ — Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk „Über die Dreieinigkeit“ und lautete: „Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.“

Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: „Das ist allerdings deutlich.“ Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei. Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. — Und damit ging er.

Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: „Würdige Herren! Euch allen, die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes, welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.

Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: ‚Stets hat die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter‘ und daran, daß ‚der Blitz die höchsten Gipfel trifft‘! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern Richterspruch schaden können. Denn ‚falscher Ruhm‘ — sagt der ebengenannte Lehrer — ‚erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.‘“