Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden. Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch erfreut hatte — wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden! Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches mit Gleichem vergalt! Wie werden — so sagte ich mir — meine Widersacher die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich’s noch wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden?

Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel, daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: „Du sollst dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was verwundet ist, opfern“ — und 5. Mos., Kap. 23: „Es soll kein Zerstoßener noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.“

In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses Bedürfnis — ich gestehe es offen — als die Verlegenheit und die Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:

„O herrlicher Gatte,

Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal

Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,

Daß dein Unstern ich würd? — Doch nun empfange mein Opfer

Freudig bring ich es dir —“

Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde ab.

Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten: ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund, das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.