In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys. Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle, womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen. Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach, wie oft jenes Gebet wiederholt: „Von den Enden der Erde habe ich zu dir geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.“ Ich glaube, es ist niemand verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde, andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.

Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten, damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: „Draußen Streit, drinnen Furcht“ schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den Vorwurf machen: „Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht hinausführen.“ Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: „Ich leide nur, was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.“ Das aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein eigenes Haus, wie es sich ziemte.

Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte. Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten, kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete, für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren, ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt.

Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten, sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines Jahres — Gott mag es bezeugen — waren sie an irdischem Besitz reicher als ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu genießen.

Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein. Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche Freunde erhebt: „Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.“ Ferner sagte er: „Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.“ Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen wurde.

Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller christlichen Philosophen, erzählt die „Kirchengeschichte“ im sechsten Buch, er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein, daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: „Ein guter Name ist besser als große Schätze Goldes“ — und der heilige Augustin sagt in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: „Wer im Vertrauen auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist grausam gegen sich selbst.“ Und weiter oben: „Wir wollen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält sich dein Nächster.“

Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem Buch „Vom Werk der Mönche“, wie eben die Frauen die unzertrennlichen Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall folgten, wo sie predigend umherwanderten. „In ihrem Gefolge“ — sagte er — „befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.“ Und wer es etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: „Und es begab sich danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe.“ Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des Parmenianus „Über das Klosterleben“: „Wir halten durchaus daran fest, daß kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.“ So haben es auch die heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: „Haben wir nicht auch Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn und Kephas?“ Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: „Haben wir nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?“ Vielmehr heißt es ‚sie mit herumzuführen‘. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs vereinigt zu sein.

Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret, denn sie ist eine Sünderin“ — dieser Pharisäer konnte nach menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges sehen.

Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht. Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich folgendermaßen darüber aus: „Es war da ein hochbetagter Mann, Namens Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.“ Warum, frage ich, verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten und sich in den Dienst derselben stellen — nach dem Beispiel jener sieben ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle; und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.

Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein satirischer Dichter mit Recht: „Unerträglicher nichts, als Macht in den Händen des Weibes.“