Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den — wie ich schon sagte — „draußen Streit, drinnen Furcht“ unablässig quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.

Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes, väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund, der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn als Liebe zu Gott.

Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die Seite zu schaffen.

Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu schaffen als meine einstige Verletzung.

Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.

Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.“ An einer andern Stelle sagt der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.“ Und ferner: „Gedenke ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ Und der Psalmist sagt: „Die den Menschen gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.“ In diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in seinem Brief an Nepotianus: „Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht — er hat aufgehört, den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.“ Derselbe Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: „Ich danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.“ Und an den Mönch Heliodorus: „Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit den Mächtigen dieser Welt.“

Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch — so viel ist sicher — zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: „Dein Wille geschehe.“

Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“ Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: „Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.“ Damit sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: „Dein Wille geschehe,“ aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. — Lebe wohl!

II. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder — seine Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem Abaelard — Heloise.)