Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.
Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht sicher bist.
Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten; ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz, und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat, dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief an seinen Freund Lucilius heißt es: „Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!“ Gott sei Dank, daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen!
Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du seine Wunden zu heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist. Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen, sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich, und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und waren verschwenderisch damit.
Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des Apostels: „Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht, was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest, das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist. Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung, Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen, mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten, das sich in seinem alten Gram verzehrt.
Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner bist du um so mehr, als ich dich allezeit — wer weiß es nicht? — mit grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes begehr’ ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln, war mir unmöglich.
Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte, verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals, als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht — Gott weiß es — als dich selbst; dich nur begehrt’ ich, nicht das, was dein war. Kein Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl. Mag dir der Name „Gattin“ heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es allzeit reizender, deine „Geliebte“ zu heißen; oder gar — verarg es mir nicht — deine „Buhle“, deine „Dirne“. Je tiefer ich mich um deinetwillen erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden, und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich’s, deine Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall, jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten, die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre Beweisführung mit folgenden Worten: „Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit dem besten Mann verheiratet sein wollen.“
Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt! Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.
Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden? Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin, welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner Liebe?
Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl des Mitleids mit mir?