Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos. Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht. Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du allein beurteilen, der du’s erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken.
Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes, noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir, glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung, sondern alle Welt denkt so.
Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte! Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein Elend zu decken!
Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest. Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe. Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen Dank verdient, dann — das mußt du selbst sagen — war mein Opfer vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.
Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein, vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur dir zu gehören.
Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich übrig hast — zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben, beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen, damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich weihen möge.
Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er. Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich einst zur Wollust verlocktest!
Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und Alles!
III. Brief.
Abaelard an Heloise.
(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo — Abaelard, ihr Bruder im Herrn.)