Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: „Ein fleißiges Weib ist eine Krone ihres Mannes“ und „Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes und bekommt Wohlgefallen vom Herrn“. Weiter heißt es; „Haus und Güter vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn“. Der „Prediger“ aber sagt: „Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist“, und bald darauf: „Ein gutes Weib, ein gutes Teil.“ Und die Meinung des Apostels ist: „Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib“. Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet veranlaßt.
Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in welchem er sagt: „Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.“ Mit dieser — wenn man so sagen darf — Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt, die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch aufgehoben.
Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war, Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut:
Responsum: „Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.“
Versus: „Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.“
Gebet: „Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.“
Kollekte: „O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.“
Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist. Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen:
Responsum: „Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens, auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein Widersacher nicht freue.“
Versus: „Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß mein Feind sich nicht freue.“