Gebet: „Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes. Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.“
Kollekte: „Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum unsern Herrn.“
Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen — sei’s daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch den Weg alles Fleisches gehe — so beschwöre ich euch: lasset meinen Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen. Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten an seinem Grab, wie geschrieben steht: „Frauen saßen am Grab und weinten und klagten um den Herrn“. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel, und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien.
Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures Gebets beistehet.
Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!
IV. Brief.
Heloise an Abaelard.
(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)
Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch, ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des Ranges der einzelnen.
Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich überwältigen und töten“ u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über unser Seelenheil geworden bist.
Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem, dem er anbricht, Angst genug bereiten. „Denn wozu soll man,“ sagt Seneca, „Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?“