Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen. Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es dann Zeit zum Gebet sein, wenn die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird? Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten, und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben. Da uns mit dir unser Leben verloren geht — wie sollen wir weiter leben, wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!

Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht, schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen. Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht, die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er Gott bittet:

„Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft

Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.“

Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen, in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt, in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden könnte.

Ja, wenn’s kein Frevel wäre — wollte ich’s hinausrufen in alle Welt: „O du grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O unseliges Geschick!“ Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern, so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell herbeikommen möchte!

O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest? Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre? Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten, nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert. Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.

Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.

Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht. Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst, hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer gefallen bist.

Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor den Weibern: „Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes: laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man hinunterfährt in des Todes Kammer.“ Und im „Prediger“ heißt es: „Ich habe alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib, welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei, denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen.“