Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.

Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: „Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.“ Und beides ist wiederum vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.

Ich aber habe — Gott weiß es — jederzeit mich mehr davor gescheut, dich zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr: „Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du gehen sollst“. Und bei Ezechiel heißt es: „Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und Alten, die Seele zu fahen“.

Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: „Die Worte der Weisen sind Spieße und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe Wunden reißen.“

Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf bedacht, wie die Heuchler. „Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen?“ Ferner: „Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum Tode“. — „Der Mensch soll nicht voreilig über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.“ Darum steht auch geschrieben: „Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt“. Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.

Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: „Die Kraft ist in den Schwachen mächtig“ oder: „Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will — ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus anführen: „Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.“ Sollten wir sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?

V. Brief.
Abaelard an Heloise.

(An die Braut Christi — der Knecht Christi.)

Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes Wort in meinem Brief: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt“ u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend, ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.

Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert ich dir erscheine.