Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst, mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief — und niemand bezweifelt dies — daß, wenn man an Höhergestellte schreibt, die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: „Darum schreibe ich: meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn“.

Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: „Die Braut steht zu deiner Rechten“. Weiter ausgeführt will dies besagen: „Sie steht mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher, während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.“

Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: „Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt“. Und weiter: „Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt“. Diese Worte beziehen sich im allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget, daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen, welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid, die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: „Frauen saßen am Grab und klagten und weinten um den Herrn.“

Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen. Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten gefeiert, welcher sagt: „Und ihre Zähne sind weißer als Milch“. Sie ist also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch auch der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden“. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, „des Königs Tochter ist inwendig ganz herrlich“. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem anschaulichen Bilde die menschliche Seele dar, welche den Körper, in dem sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe, denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.

Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.

Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben Schwachen — daher sie Töchter heißen, nicht Söhne — mit den Worten an: „Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt“. Mit diesen Worten will sie sagen: „daß ich mich demütige und alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene“. Ganz anders die Häretiker und die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die Braut: „Wundert euch nicht, daß ich also thue“. Wundern muß man sich vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen wurde.

Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern Stelle sagt: „Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt“. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden, die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen; sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.

Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.

Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte vorausgeschickt hat: „Ich bin schwarz aber lieblich“ — fügt sie alsbald hinzu: „Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt“, und setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: „Weil ich schön, hat er mich geliebt — weil schwarz, hat er mich in die Kammer geführt“. — „Schön“ bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; „Schwarz“ — auf die leiblichen Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus, dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.

Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt schon der heilige Gregorius mit den Worten: „Niemand schmückt sich für die Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen“.